Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zum Thema anonyme Bewerbungen

Alexander soll es nicht leichter haben als
Ahmet, und wenn Aishe besser ausgebildet ist als Anna, soll sie
künftig auch die Stelle bekommen: Anonyme Lebensläufe sollen die
Chancengleichheit von Bewerbern erhöhen. Die Idee ist gut, das
Konzept aber aus mehreren Gründen nicht ausgereift. Die Frage ist
erst einmal, wie weit die Anonymisierung geht. Um keinen Rückschluss
auf das Alter zuzulassen, müssten die Zeitangaben im Lebenslauf und
in allen Zeugnissen gestrichen werden. Nun ist es für einen
Personalchef aber nicht unerheblich zu erfahren, wie lange das
Studium eines Bewerbers zurückliegt oder in welchen Abständen er
welche Stelle gewechselt hat. Darüber hinaus können beispielsweise
Türkisch-Kenntnisse oder ein Schulabschluss aus Nowosibirsk ein
sachlicher Grund sein, jemanden einzustellen oder auch nicht. Für
Unternehmen sind diese Informationen notwendig. Doch so werden
zugleich viele Bewerber als Zuwanderer erkannt. Und was ist mit einem
Personalchef, der gezielt einen Mitarbeiter bestimmten Geschlechts
und Alters sucht? Der in einer Abteilung nur 25 bis 35 Jahre alte
Männer beschäftigt und mit einer etwas älteren Frau Erfahrung und
eben Mischung in die Abteilung bringen will? Er bekommt mehr Arbeit,
weil er sich Bewerbern widmen muss, die er sonst erst gar nicht
eingeladen hätte, die er aber auch nach dem Vorstellungsgespräch nie
einstellen würde. Es ist nämlich höchst unwahrscheinlich, dass jemand
allein aufgrund seines anonymisierten Lebenslaufs einen Job bekommt.
Spätestens beim Vorstellungsgespräch lernt das Unternehmen den
Kandidaten persönlich kennen. Und dann kommen der
Migrationshintergrund, Alter und Geschlecht ans Tageslicht. Wer keine
52 Jahre alte Mutter aus dem Libanon einstellen möchte, kann sie auch
jetzt noch ablehnen – Qualifikation hin oder her. In vielen Firmen
gehört es aber vielmehr fest zur Unternehmenskultur, die Vielfalt zu
fördern. Eine multikulturelle Belegschaft kann gerade für global
agierende Unternehmen einen enormen Wettbewerbsvorteil bieten. So ist
es kein Wunder, dass die meisten Personalchefs nach wie vor
bebilderte Bewerbungen bevorzugen, die zugleich etwas über das Alter,
Geschlecht oder die Herkunft des Kandidaten verraten. Nur 17 Prozent
der deutschen Personal- und Finanzmanager ziehen einen anonymisierten
Lebenslauf vor, wie eine Studie des Personaldienstleisters Robert
Half Finance & Accounting aus Frankfurt ergeben hat. Letztendlich ist
es nicht wünschenswert, wenn Politiker Unternehmern vorschreiben, wie
sie ihre Mitarbeiter einzustellen haben. In den meisten Unternehmen
werden die Menschen nach Qualifikation und Können ausgesucht. Jeder
Arbeitgeber sollte frei entscheiden können, welche Angaben er in
einer Bewerbung haben möchte und welche nicht.

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Andreas Kolesch
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