Weser-Kurier: Der „Weser-Kurier“ (Bremen) kommentiert in einer Ausgabe vom 17. August 2010 dieÄußerungen des ISAF-Oberkommandierenden General Petraeus zum Truppenabzug aus Afghanistan:

Einsicht statt Exit

von Joerg Helge Wagner Die Warnung des Oberkommandierenden der
Alliierten in Afghanistan vor einem zu schnellen Truppenabzug ist ein
Sieg der Strategie über die Demoskopie. Sie folgt der Erfahrung, dass
es Wahnsinn ist, zur Freude des Feindes mitten im Krieg über
Rückzugsszenarien zu diskutieren, bloß weil die Umfragewerte in der
Heimat sinken. Leider ist diese Einsicht in der Politik noch nicht
Mehrheitsmeinung. Auch die Debatte in vielen Medien ist verliebt ins
Scheitern: Gründe für die angebliche Unmöglichkeit eines Erfolges
werden hingebungsvoll zusammengetragen – dass damit vor allem die
Perspektiven der afghanischen Bevölkerung gegen Null schmelzen, nimmt
man hin. Die intellektuelle Klasse hat – bis auf wenige Einzelkämpfer
– bereits kapituliert. Man flüchtet sich in die Hoffnung, dass die
globale Barbarei schon einen Bogen um den eigenen Elfenbeinturm
machen werde – der ist ja auch nicht so hoch und „provokant“ wie die
New Yorker Twin Towers. Gewissheiten, die bislang vor allem im
linksliberalen Milieu völlig zu Recht verteidigt wurden, sind zur
kleinen Münze geschrumpft. Etwa die universelle Geltung der
Menschenrechte für alle und für jeden. Folter, Massaker,
Menschenschinderei waren seit den sechziger Jahren mindestens ein
Grund, auf die Straße zu gehen, oft gefolgt von der aktiven
Unterstützung des militärischen Widerstandes gegen die Unterdrücker.
Heute werden Berichte über grauenhafte Verstümmelungen oder
barbarische Hinrichtungen aus nichtigsten Anlässen schaudernd, aber
achselzuckend als Ausweis einer anderen kulturelle Identität
hingenommen. Sie wecken nicht etwa Empathie und Engagement – sie
dienen als Rechtfertigung für die Abkehr, als infamer „Beweis“ für
die Zivilisationsunfähigkeit eines ganzen Volkes. Mit aufklärerischem
Pathos wird dann darauf hingewiesen, dass die Frauenrechte in
Afghanistan ja nur ein „Feigenblatt“ für den Krieg seien. Natürlich
ist Frauenbefreiung nicht das Hauptziel des ISAF-Einsatzes, aber sie
ist zigtausendfach eine Folge davon. Und für jene afghanischen
Frauen, die wieder einen Beruf ausüben und ihre Töchter zur Schule
schicken können, zählt das Ergebnis, nicht die Absicht. Im Übrigen
wurden im Zweiten Weltkrieg ja auch nicht deutsche Städte
bombardiert, um vornehmlich KZ zu befreien – aber das Ende des
Massenmords war natürlich eine Folge des Sieges über die
Massenmörder. Eines Sieges, der mit Opfern erkauft wurde, gegen die
die Verluste in Afghanistan verschwindend sind. Doch die Erkenntnis,
dass es in Afghanistan ebenso wie an den Stränden der Normandie um
einen globalen Kampf gegen abgrundtiefe Barbarei geht, ist auch nach
neun Jahren nicht durchgedrungen Was passiert, wenn die Alliierten zu
früh abziehen? Die Islamisten werden sich nicht darauf beschränken,
bloß am Hindukusch Ehebrecher zu steinigen und entlaufenen Sklavinnen
die Nase abzuschneiden. Sie werden den Rückzug von 42 Nationen,
darunter die mächtigsten der Welt, als Beweis für ihre
Unbesiegbarkeit werten – und viele in der islamischen Welt werden
ihnen das glauben. Hier reden wir über 200 Millionen Indonesier, 170
Millionen Pakistani, 140 Millionen Nigerianer, 80 Millionen Ägypter,
70 Millionen Iraner… Liberalere und prosperierende moslemische
Staaten, etwa am Golf, werden unter ungeheuren Druck geraten. Ein
„politischer“ General wie David Petraeus hat das alles im Blick, wenn
er von Afghanistan spricht – und man wünscht sich, dass das Primat
der Politik nicht mit einem Privileg auf Beratungsresistenz
verwechselt wird. joerg-helge.wagner@weser-kurier.de

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