Kein anderer Staat der Welt hat mehr Einfluss auf
die deutsche Innenpolitik als die Türkei. Kein anderer Staat kann den
poröser werdenden Zusammenhalt zwischen politischer Elite und Volk so
gefährden wie die Türkei. Das war schon so, als sich die Republik
noch über die doppelte Staatsbürgerschaft, Panzerlieferungen,
Menschenrechte oder den Kurdenkrieger Öcalan in den Haaren lag. Die
erschreckend ziellos und ungesund emotional geführte
Integrationsdebatte hat das deutsch-türkische Verhältnis auf ein
Minenfeld geschoben. Ein harmloser, die Wirklichkeit streifender Satz
wie: „Der Islam gehört zu Deutschland“ – schon sehen Alarmisten das
Abendland preisgegeben. Wulffs Auftritt in Ankara hat der Hysterie
mit Anstand entgegengewirkt. Hinter dieser Rede kann sich mit etwas
gutem Willen das ganze Volk versammeln. Für rechte Rattenfänger ist
nichts zu holen; für Integrations-Praktiker aber auch nicht. Nichts
in dieser Rede war grundstürzend neu, nichts fehlte. Aber auch, und
das heißt heute schon was, nichts war gedankenblass, spalterisch oder
feige. Sogar ein bei der Kanzlerin vermisster Merksatz war dabei:
Deutsche und Türken dürfen sich nicht in eine „Konfrontation treiben
lassen“. Stimmt. Einprägsamer kann man Sarrazin, Seehofer und deren
Trittbrettfahrer kaum in den Senkel stellen.
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