WAZ: Europa und der Pfusch am Bau – Kommentar von Thomas Wels

In turbokapitalistischen Zeiten kommt es nicht allzu
oft vor, dass Arbeitnehmer und Aktionäre an einem Strang ziehen. Im
Falle von Hochtief allerdings liegen die Gründe für eine gemeinsame
Ablehnung der Übernahmepläne des spanischen Baukonzerns ACS auf der
Hand. Erstens hätte ACS als Großaktionär jahrelang gemeinsame
Projekte im Hochtief-Aufsichtsrat anschieben können, hat es aber
nicht. Warum plötzlich jetzt? Zweitens hat ACS immer behauptet, keine
Mehrheit anzustreben. Woher der Sinneswandel? Drittens ist ein
Angebot unter dem Börsenpreis kein Angebot, sondern eine Finte.
Viertens ist allzu offensichtlich, dass die Spanier ihre
Schuldenbilanz mit den soliden Hochtief-Zahlen aufpäppeln wollen, um
ihre Zukaufabsichten bei dem spanischen Energiekonzern Iberdrola
möglich zu machen. Fünftens hat sich ACS in früheren Fällen nicht an
Versprechen gehalten und den spanischen Baukonzern Dragados
übernommen – und zerlegt. Wer einmal lügt, dem glaubt man (auch die
Versprechungen zum Erhalt der Arbeitsplätze) nicht. Der deutsche
Eon-Konzern scheiterte bei der Endesa-Ãœbernahme an der spanischen
Politik; umgekehrt soll ein spanischer Konzern, indirekt groß
geworden durch deutsche EU-Steuergelder, Hochtief plündern dürfen?
Wenn so das europäische Haus aussieht, ist reichlich Pfusch am Bau zu
beklagen.

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