BERLIN Der weltgrößte Saatgutkonzern Bayer nutzt
die Digitalisierung der Landwirtschaft, um Bauern noch abhängiger von
seinen Produkten zu machen: Das Softwaremodul „Seed Advisor“ seiner
Tochterfirma Climate Corporation zur Auswahl des für den jeweiligen
Acker besten Saatguts empfiehlt den Landwirten nur Körnermais der
Bayer AG – nicht von anderen Herstellern. „Die aktuelle Version des
Seed Advisor der Climate Corporation fokussiert sich ausschließlich
auf Saatgut von Bayer“, teilte Konzernsprecher Utz Klages der
Tageszeitung „taz“ (Freitagausgabe) auf Anfrage mit.
Der Seed Advisor der Bayer-Tochter soll nach Firmenangaben aus
früheren Ertragsdaten in der Region und der
Saatgut-Genetik-Bibliothek des Konzerns für jedes Feld „die besten
Hybridsorten“ berechnen. Bedient werde das Programm von
Saatguthändlern, die die Empfehlungen an die Landwirte weitergäben.
Im Herbst 2019 solle es für alle Farmer in den USA als Teil der
Softwareplattform FieldView auf den Markt kommen. Einen Termin für
die EU nennt Bayer noch nicht.
Marita Wiggerthale, Agrarreferentin der Entwicklungsorganisation
Oxfam, kritisierte den Seed Advisor: „Sie erhalten damit nicht die
Auswahl der besten Saatgutsorten allgemein, sondern nur eine Auswahl
von Bayers Saatgut.“ Reinhild Benning, Landwirtschaftsexpertin der
Umweltorganisation Germanwatch, ergänzte: „Wenn sich solche Systeme
durchsetzen, verlieren Bauern an Wahlmöglichkeiten und geraten
potentiell in Abhängigkeiten.“
Bayer-Sprecher Klages wies diese Vorwürfe zurück: „Jeder Landwirt
hat die freie Wahl, ob und welche Produkte und Technologien er von
welchem Anbieter kauft.“ Bauern würden die Angebote von Bayer nur
dann nutzen, „wenn sie dadurch einen klaren Vorteil erhalten.“ Im
Ãœbrigen plane das Unternehmen, „unser Angebot auf Saatgutsorten
anderer Anbieter auszuweiten.“
Umweltschützerin Benning glaubt das nicht: „Seit Jahren
versprechen Konzerne der Netzwerkökonomie, Produkte anderer Anbieter
kompatibel zu machen, ohne dieses Versprechen zu erfüllen“, sagte sie
der taz. Nun müsse der Staat Bayer und seine Konkurrenten dazu per
Gesetz zwingen und ihre Marktmacht konsequenter durch das
Kartellrecht begrenzen.
Der Konzern ist nach eigenen Angaben bereits der weltgrößte
Anbieter auf dem stark konzentrierten Markt für kommerzielles
Saatgut. Die vier umsatzstärksten Firmen beherrschen zusammen mehr
als die Hälfte des Geschäfts. Dabei ist Saatgut die Grundlage der
Ernährung. Wer die Samen hat, kann bestimmen, was die Menschen essen,
und so die Preise in die Höhe treiben. Ein Monopol könnte auch dazu
führen, dass Züchter wegen des fehlenden Konkurrenzdrucks Pflanzen zu
langsam an den Klimawandel anpassen. — jma/ghi
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