BERLIN Die EU-Kommission will das seit Jahrzehnten
zugelassene Pestizid Chlorpyrifos wegen Gesundheitsrisiken verbieten
lassen. „Die Kommission wird den Mitgliedsländern vorschlagen, die
Zulassung der Substanz nicht zu verlängern“, teilte Anca
Păduraru, Sprecherin der Behörde, der Tageszeitung „taz“
(*Samstagausgabe) mit. Das Insektengift wurde zuletzt 2005 von der EU
zugelassen, obwohl Kritikern zufolge schon damals Hinweise vorlagen,
dass die Substanz Gehirnen von Kindern im Mutterleib schadet.
Mehrmals verlängerte sie diese Zulassung provisorisch, weil die
Behörden nicht rechtzeitig eine neue Überprüfung abschlossen.
In Deutschland darf Chlorpyrifos anders als in Spanien, Polen und
18 weiteren EU-Ländern seit 2015 nicht mehr gespritzt werden. Laut
Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit wurde es
aber beispielsweise 2017 vor allem in importierten Orangen,
Mandarinen sowie Grapefruits gefunden. 44 Prozent der untersuchten
Grapefruits und 37 Prozent der analysierten Orangen waren demnach
positiv. Treffer gab es auch etwa bei Äpfeln, Spargel und
Tafelweintrauben. Der EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa)
zufolge war es eines der 2017 am häufigsten gefundenen Pestizide in
Nahrungsmitteln. Bauern töten mit dem Insektengift Schildläuse,
Raupen und andere Schädlinge.
Anfang August stellte die Efsa jedoch fest, dass Chlorpyrifos
nicht die gesetzlichen Anforderungen für eine Zulassung erfülle. Sie
berief sich unter anderem auf eine Studie, die Hersteller Dow bereits
1998 eingereicht hatte. Es sei besorgniserregend, dass in dem Versuch
die Kleinhirne derjenigen Ratten kleiner gewesen seien, deren Eltern
Chlorpyrifos gefressen hatten, schreibt die EU-Behörde. Die
spanischen Behörden dagegen, die das Mittel ab 1999 für die EU
überprüften, hatte kein Problem gesehen. Die auffälligen Ergebnisse
wurden 2018 durch eine Studie der schwedischen Medizin-Universität
Karolinska-Institut bekannt.
„Der Fall Chlorpyrifos zeigt ähnlich wie bei Glyphosat oder und
den Bienenkillern Neonikotinoiden, dass die Zulassungsverfahren nicht
einwandfrei funktionieren“, sagte der Grünen-Bundestagsabgeordnete
Harald Ebner der taz. „Offensichtlich haben die Behörden bei
Chlorpyrifos unkritisch die Hersteller-Schlussfolgerungen über
Tierversuche mit dem Stoff übernommen.“
Die Sprecherin der EU-Kommission dagegen erklärte, gerade wegen
„des funktionierenden EU-Systems und der EU-Regulierung“ könne die
Kommission den Mitgliedstaaten Verordnungsentwürfe vorlegen, um –
wenn nötig – die Zulassung eines Wirkstoffs auslaufen zu lassen. Der
US-Agrarchemiekonzern Corteva, in dem Dow nach einer Fusion
aufgegangen ist, wies die Vorwürfe der Efsa gegen Chlorpyrifos
zurück: „Kein Wirkstoff ist gründlicher untersucht worden als
Chlorpyrifos“, teilte Firmensprecher József Máté der taz mit.
jma/all
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