Der Pestizidhersteller Bayer hat entgegen seinen
Versprechen nicht alle Personen informiert, die auf der „schwarzen
Liste“ mit Glyphosat-Gegnern und -Befürwortern seiner heutigen
US-Tochterfirma Monsanto standen. Das zeigt eine Recherche der
Tageszeitung „taz“ (Freitagausgabe) bei Journalisten und Politikern,
die nachweislich auf der französischen Variante der Liste genannt
sind. Insgesamt 8 Betroffene teilten der taz auf Anfrage mit, dass
sie bis Mitte der Woche keine Post zum Thema von Bayer oder einer vom
Konzern beauftragten Anwaltskanzlei erhalten hätten.
Zudem hat eine Umfrage der taz in Deutschland ergeben, dass
hierzulande führende Glyphosat-Befürworter wie Ex-Agrarminister
Christian Schmidt (CSU) und auch relevante Gegner des Pestizids
ebenfalls keinen Hinweis von Bayer erhalten haben – obwohl es sehr
wahrscheinlich ist, dass sie auf der Liste standen.
Bayer hatte behauptet, bis 14. Juni seien alle rund 600
Betroffenen in Deutschland und Frankreich per Post angeschrieben
worden. Zuvor hatte der Konzern eingeräumt, dass die PR-Agentur
FleishmanHillard im Auftrag von Monsanto Listen etwa über Industrie-
und Verbandsvertreter, Politiker, Lobbyisten und Journalisten in
Frankreich und anderen EU-Ländern angelegt habe. In Frankreich waren
dortigen Medien zufolge 2016 rund 200 Namen teils mit Privatadresse
und Hobbys aufgeführt. Dazu Noten von 0 bis 5, je nach Grad der
Unterstützung für Monsanto. Das könnte gegen Datenschutzrecht und das
französische Verbot verstoßen haben, Register oder Listen über
Personen nach „religiöser, weltanschaulicher oder politischer
Meinungen“ anzulegen. Die Staatsanwaltschaft in Paris ermittelt.
Ziel war es offenbar, die 2017 tatsächlich erfolgte
Wiederzulassung von Glyphosat in der EU zu erreichen – obwohl die
Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation den weltweit
meistverkauften Pestizidwirkstoff 2015 als „wahrscheinlich
krebserregend“ eingestuft hatte.
Frankreich ist das einzige betroffene Land, dessen Monsanto-Liste
Journalisten vorliegt. Die Zeitung Le Monde schickte der taz einen
Auszug, auf dem neben anderen die französischen Grünen-PolitikerInnen
Michèle Rivasi, José Bové und Karima Delli genannt sind. Laut
Stéphane Foucart, Umweltredakteur des Blattes, stehen außer ihm vier
weitere Le-Monde-Journalisten auf der Liste.
„Ich bin nicht kontaktiert worden“, sagte Foucart am Donnerstag
der taz. Und auch nicht seine vier Kollegen. Ähnlich äußerten sich im
Gespräch mit der taz die Politiker Bové, Rivasi und Delli.
Die deutsche Monsanto-Liste ist nicht öffentlich. Aber es sind
zahlreiche Personen bekannt, die im Zulassungsverfahren für Glyphosat
eine wichtige Rolle spielten. Doch sogar CSU-Politiker Schmidt, von
Februar 2014 bis März 2018 Bundesagrarminister, ließ der taz am
Donnerstag mitteilen: „Mir ist davon nichts bekannt und ich bin auch
nicht darüber informiert worden, ob ich auf irgendwelchen Listen von
Monsanto stehe.“
Auch der für Glyphosat zuständige Grünen-Bundestagsabgeordnete
Harald Ebner und der agrarpolitische Sprecher der Grünen im
EU-Parlament, Martin Häusling, erklärten, sie hätten keine positive
Antwort von Bayer erhalten. Ähnlich der Naturschutzbund, der Bund für
Umwelt und Naturschutz, Greenpeace, der WWF, das Umweltinstitut
München sowie der Deutsche Bauernverband.
Der einzige Treffer, den die taz landete, ist Matthias Miersch,
der unter anderem für Umwelt und Landwirtschaft zuständige
Vize-Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion. Die von Bayer
beauftragte Rechtsanwaltskanzlei Sidley Austin habe ihm geschrieben,
dass „sein Name auf der Stakeholder-Liste steht“, teilte Miersch mit.
Er habe daraufhin um eine Kopie der Informationen über ihn gebeten.
„Bis jetzt liegt noch keine Antwort vor“, so Mierschs Büro. „Ich
finde den Vorgang bemerkenswert und bin gespannt auf weitere
Informationen“, sagte der SPD-Politiker.
„Das angekündigte transparente Verfahren der Benachrichtigung
funktioniert offensichtlich nicht, das ist mindestens peinlich für
Bayer“, sagte BUND-Pressesprecherin Daniela Wannemacher.
Ein Bayer-Sprecher antwortete auf die Frage der taz, ob der
Konzern gelogen habe: „Viele der Adressaten haben sich bereits bei
der Kanzlei zurückgemeldet und damit den Empfang bestätigt. Sollte
jemand wissen oder vermuten, auf den Listen zu stehen, aber noch
keine Nachricht erhalten haben, steht es ihm/ihr frei, sich kurz bei
uns zu melden.“ Man werde die Nachricht dann an Sidley Austin
weiterleiten und eine kurzfristige Rückmeldung sicherstellen.
jma/ksc
Geben Sie bitte, wenn möglich, den Link zum Originaltext an:
https://taz.de/Monsantos-Liste-mit-Glyphosat-Feinden/!5607306/
Pressekontakt:
taz – die tageszeitung
taz Redaktion Wirtschaft & Umwelt
Telefon: +49-30-25902-227
Original-Content von: taz – die tageszeitung, übermittelt durch news aktuell