Südwest Presse: Kommentar zur Bildungspolitik

Auf derart massiven Widerstand gegen die geplante
schwarz-grüne Schulreform war Ole von Beust nicht vorbereitet. Es
habe ihn überrascht, sagte der Hamburger CDU-Bürgermeister in seinem
letzten großen Zeitungsinterview vor dem Rücktritt, dass viele ohne
jede Scheu sagen: Wir wollen nicht, dass unsere Kinder länger als
notwendig mit Migrantenkindern zur Schule gehen. Und weiter: „Da
tauchen, auch bei Bürgerlichen, unverhohlen Ressentiments auf. Ich
hätte damit in einer so weltoffenen Stadt nicht gerechnet.“ In diesen
Sätzen klingt viel von jener Resignation an, die von Beust zuletzt
veranlasst hat, sich am Tag des Volksentscheids über die sechsjährige
Primarschule zu verabschieden – noch bevor dessen Ausgang feststand.
Auch in seiner Partei war er auf massive Vorbehalte gestoßen, die
frühe Auslese in der 4. Klasse zu beenden und mehr
Bildungsgerechtigkeit zu schaffen. Von Beust, einst ein glühender
Verfechter des dreigliedrigen Schulsystems, gehörte zu der seltenen
Spezies der Politiker, die einmal gefasste Ansichten nicht ein Leben
lang wie eine Monstranz vor sich hertragen. Ihn konnte man mit guten
Argumenten überzeugen: Kinder brauchen Zeit, um ihr Potenzial zu
entfalten, brauchen Förderung statt frühe Trennung, wenn soziale
Herkunft nicht noch im 21. Jahrhundert über Bildungserfolg
entscheiden soll. Was hat die Reformgegner angetrieben? Es ist kein
Zufall, dass besonders viele Eltern aus den wohlhabenden Gegenden am
Elbufer wählen gingen, Eltern, die sich hinter dem Slogan
versammelten: „Wir wollen lernen.“ Und, so möchte man hinzufügen, das
bitteschön ungestört, unbehelligt von sozialen Realitäten in einer
sich wandelnden Welt und stets mit dem Ziel, den eigenen Kindern alle
Privilegien zu sichern, die sich hierzulande noch immer – ungehemmt
oder hemmungslos? – vererben lassen. Dass Bundesbildungsministerin
Annette Schavan nun freudig resümiert, das alles sei eine gute
Nachricht für das Gymnasium und das Selbstbewusstsein der Bürger,
lässt tief blicken. Wird hier doch verraten, für wen Politik gemacht
wird – und für wen nicht. Mit welchem Recht wird der Vorwurf der
Ideologie stets von den Befürwortern des Sortierens zehnjähriger
Kinder erhoben? Ist es nicht eher eine ganz spezielle Weltanschauung,
die solches gutheißt? Zunehmend gewinnt man den Eindruck, dass die
viel zitierte Spaltung der Gesellschaft von Teilen der Politik
befördert wird. Weil man sich nicht zuständig fühlt für „die da
unten“, ohne zu bedenken, wie viel Sprengsatz das birgt. Die Gegner
der sechsjährigen Grundschule sollten nicht zu sehr triumphieren –
auch im Südwesten nicht. Gewiss erschwert das Ergebnis des
Volksentscheids das Vorhaben, im skurrilen deutschen
Schulföderalismus zu mehr Chancengerechtigkeit zu kommen. Bundesweit
aber gibt es unter den Eltern längst eine Mehrheit für längeres
gemeinsames Lernen, das belegen Umfragen. Auch das Gros der
Bildungsforscher weiß: Starke Schüler werden dadurch, dass sie zwei
Jahre später aufs Gymnasium kommen, nicht ausgebremst, sondern durch
ihre Vorbildfunktion sogar gestärkt. Die Erfahrungen in Hamburg
könnten zu der Schlussfolgerung verleiten, Schwarz-Grün tauge nicht
als Regierungsmodell. Das freilich ist ein Irrtum, zumal sich die
Parteispitzen in der Hansestadt über die Ziele ihrer Bildungspolitik
im Großen und Ganzen einig waren. Wer nicht mitgehen wollte, waren
elitäre CDU- und FDP-Wähler. Doch die Union ist lernfähig, das hat
sie in den vergangenen Jahren etwa in der Familienpolitik bewiesen.
Deshalb muss die Hoffnung, dass es zumindest in städtisch geprägten
Gegenden auch künftig Schnittmengen zwischen Schwarz und Grün geben
wird, nicht begraben werden.

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Lothar Tolks
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