Der Stararchitekt Frei Otto, einer der Väter von
Stuttgart 21, fordert einen Stopp des umstrittenen Bahn-Projektes. In
der neuen, am Donnerstag erscheinenden Ausgabe des Hamburger Magazins
stern warnt Otto eindringlich davor, mit dem Bau des neuen
Hauptbahnhofes zu beginnen. Man müsse jetzt „die Notbremse ziehen“,
es gehe „um Leib und Leben“.
Stuttgart 21 ist eines der teuersten Bahnprojekte aller Zeiten in
Deutschland – und das umstrittenste. Der alte, denkmalsgeschützte
Bahnhof soll teilweise abgerissen, unter die Erde gelegt, aus dem
Kopf- soll eine Durchgangsbahnhof werden, dafür wird ein 33 Kilometer
langes mehrgleisiges Tunnelsystem gebohrt.
Otto, der vor einem Jahr aus der S-21-Projektgruppe wegen
wachsender Sicherheitsbedenken ausschied, sagte dem stern, dass er
„laut“ werden müsse: „Aus moralischer Verantwortung heraus, kann ich
nicht anders handeln.“ Mehrere Gefahren sieht der Architekt, der 1997
gemeinsam mit Christoph Ingenhoven den Wettbewerb für den Tiefbahnhof
gewonnen und den neuen Tiefbahnhof mit entworfen hat: dass der
Bahnhof eventuell überschwemmt werden, oder aber auch, dass er „wie
ein U-Boot aus dem Meer“ aufsteigen könne“.
Stuttgarts Erde ist tückisch. Voller Wasser und Quellen,
Gipsschichten mit hohem Anhydridanteil, also Mineralien, die
aufquellen, Hohlräume, unkontrollierbar Krater bilden können. Im
badischen Staufen, wo die Erde zwecks Erdwärmegewinnung angepiekst
wurde, hoben sich Häuser und bekamen Risse, in der Nähe von Stuttgart
selbst muss derzeit ein Autobahntunnel aufwendig repariert werden,
weil der Druck aus der Tiefe die Straße verformt. Otto: „Es ist wie
bei einer roten Ampel, wenn da einer durchbraust, muss man ihn
aufhalten.“
Ein geologisches Gutachten von 2003, das bisher nur ein kleiner
Personenkreis kannte, nicht aber Abgeordnete oder gar Stuttgarts
Öffentlichkeit, bestätigt Frei Ottos Bedenken. Diese Studie des
Ingenieursbüros Smoltczyk & Partner, die dem stern vorliegt, belegt,
wie gefährlich Stuttgarts Untergrund ist: löchrig wie ein Käse,
voller Dolinen und Hohlräume, sie zeigt, dass Baurbeiten in diesem
Grund enorm schwierig werden. Es lässt sich kaum abschätzen, wie
lange sie dauern. Unkalkulierbar scheint zudem, wie viel die Arbeiten
in diesem Untergrund kosten werden. „Mit dem Wissen von heute“, so
Otto zum stern, „kann ich dieses Projekt nicht mehr verantworten. Ich
würde auch nicht mehr in die Tiefe gehen, das wollte ich sowieso nie,
das wollte der Auftraggeber.“
Der Tübinger Dr. Geologe Jakob Sierich, ein Spezialist für
Anhydrid- und gipsführende Erdschichten, hat für das Magazin das
Gutachten analysiert. Sein Befund: „Bei Stuttgart 21 geht es nicht um
mögliche Risse in Häusern, es geht um mögliche Krater, in denen
Häuser verschwinden können. Es geht um Menschenleben.“
Pressekontakt:
stern-Autor
Arno Luik
Telefon 040-3703-3665
Diese Vorabmeldung ist mit Quellenangabe zur Veröffentlichung frei.