
Carolin Doderer: Herr Fieß, Sie sind ja Humangeograf. Was machen Sie mit dieser Qualifikation bei der GRUPPE DREI?
Nico Fieß: Als Humangeograf ist mein Spezialgebiet das Verhältnis zwischen geografischen Einheiten und den darin lebenden Menschen. Das hört sich jetzt erst einmal sehr theoretisch an, wird aber schnell klar, wenn man sich beispielsweise unsere moderne Metropolisierung vor Augen führt. Da stellt sich unter anderem die Frage, warum das heute so ist – warum immer mehr Menschen in Städten leben wollen. 2020 sollen es bereits über 60% sein!
Carolin Doderer: Umgekehrt bedeutet dies ja, dass diese Menschen vor allem dem ländlichen Raum verloren gehen?
Nico Fieß: Allerdings – ein dramatischer Trend. So stehen beispielsweise in einem der kleinsten Bundesländer, nämlich in Rheinland-Pfalz bereits 80.000 Ein- und Mehrfamilienhäuser leer. Ein Trend, der sich nicht nur – wie lange bekannt – auf die Regionen im Osten beschränkt, sondern massiv auch die ländlichen Gemeinden im Westen betrifft.
Carolin Doderer: Mit fatalen Folgen!?
Nico Fieß: Ja. Wir können uns das als eine Art Domino-Effekt vorstellen. Weniger Menschen an einem Ort, sei es ein Dorf oder auch eine Kleinstadt bedeutet insgesamt Schwund. Der Arzt zieht weg. Die Schule schließt. Das Postamt gibt’s auch nicht mehr, ganz zu schweigen von einem intakten ÖPNV oder von einem funktionierenden Einzelhandel.
Carolin Doderer: Was ja massive Konsequenzen für die „Übriggebliebenen“ hat…
Nico Fieß: „Übriggebliebene“ ist zwar das treffende Wort. Aber diese Menschen haben Bedürfnisse. Sie wollen zum Teil auch ganz bewusst auf dem Land bleiben. Faktoren wie „Natur und die damit verbundenen Freizeitmöglichkeiten, Sicherheit, Ruhe, intaktes soziales Leben, saubere Luft…“ – all dies sind Argumente für den ländlichen Raum. Das Dorf darf nicht zu einer Nischenexistenz verkommen und letztlich aussterben. Eine natürliche Lebensqualität ist in den rapide wachsenden Millionenstädten wie etwa Köln, Berlin oder München sicher nicht hoch anzusetzen.
Carolin Doderer: Heißt das, dass wir in der Falle sitzen, in der Falle namens „demografischer Wandel“?
Nico Fieß: Der demografische Wandel kann tatsächlich in gewisser Weise als Falle bezeichnet werden. Aber das Thema ist ja nicht neu! Schon früher waren Städte Magnete und Hoffnungsträger. Junge Menschen gingen auch vor einigen Jahrzehnten in die Stadt, um dort zu studieren. Das Jobangebot ist vielfältig – so bleiben heute die meisten eben in Metropolregionen. Und folglich wächst im ländlichen Raum die Bevölkerung eben nur äußerst spärlich nach.
Carolin Doderer: Das Projekt „smart villages“ versucht ja nun schon seit einiger Zeit Lösungen für dieses Problem und für die Zukunftsfähigkeit der ländlichen Räume zu entwickeln. Was halten Sie davon?
Nico Fieß: Prinzipiell sind alle Versuche, die ländlichen Peripheriegebiete vor totaler Regression und Verödung zu schützen, sehr wichtig. Nichts schlimmer als sterbende Landschaften! Aber wichtig ist dabei auch die Initiative der Gemeinden selbst. Ein agiler Bürgermeister und ein aufgeschlossener Gemeinderat können da schon Einiges in Bewegung setzen. Orte müssen wieder attraktiver werden. Da gibt es unendlich viele verschiedene Möglichkeiten. Zuallererst zählen sichtbare Aktivitäten, und die erreicht man am ehesten mit Innen- und Außenmarketing. Ich empfehle hierzu die Lektüre der „Femininen Standorte“ von Prof. Doderer und Dr. Sabine Hillebrand.
Ein hervorragender Leitfaden für alle am Prozess der attraktiveren Gestaltung der Lebenswirklichkeit Beteiligten.
Insgesamt lässt sich aber festhalten, dass jede Region individuell nach ihren Bedürfnissen unterstützt werden muss. Es müssen Raumentwicklungsprozesse geschaffen werden, die an die demografische Entwicklung angepasst sind, aber auch der individuellen Situation der Orte gerecht werden. Diese Konzepte entwerfen und realisieren wir bei GRUPPE DREI.
Carolin Doderer: Herr Fieß, ich danke Ihnen für das interessante Gespräch
Nico Fieß: Gerne!
Weitere Informationen unter:
http://www.standortmarketing.com