Probleme wegspielen – Theater an Schulen

Probleme wegspielen – Theater an Schulen

Aus dem Schatten springen

Warum die Auswirkungen beispielsweise die Förderung des Selbstbewusstseins betreffen, erklärt Siegfried Steiger, Studiendirektor und Fachleiter Deutsch am Maria-Ward-Gymnasium in Günzburg, Gründer und Leiter des Experimentellen Theaters Günzburg, so: „Das funktioniert, indem Kinder und Jugendliche über den Umweg einer Rolle, in die sie schlüpfen dürfen, vom eigenen Körper- und Sprachverhalten abrücken und zugleich Zutrauen gewinnen können. Das klingt abstrakt, ist aber anhand eines Beispiels einfach erklärt. Für einen schüchternen Schüler etwa kann die Wahl des Körper-Schattentheaters enorm hilfreich sein. Dabei schiebt sich ein Leinentuch als Medium zwischen Akteur und Publikum, sodass der Schauspieler selbst weniger im Mittelpunkt steht.“

Ebenfalls beeinflusst wird die Sozialkompetenz, denn Theaterspielen bedeutet Teamwork. Alle Aufgaben von der Maske über die Requisite bis zur Technik sind gleich wichtig. „Was nützt der schönste Schauspieler auf der Bühne, wenn er im Dunkeln steht?“, bringt es Steiger auf den Punkt. Die Schauspielerin der TV-Serie „Dahoam is Dahoam“ des Bayerischen Rundfunks, Daniela März, stieß als 15-Jährige zur Theatergruppe des Experimentellen Theaters in Günzburg und bringt zu diesem Thema noch den recht anschaulichen Vergleich mit Freizeitbeschäftigungen wie Computerspielen ein: „Beim Theaterspielen werden nicht nur körperliche und sprachliche Fähigkeiten stärker gefordert, trainiert wird auch der soziale Umgang mit Menschen aus Fleisch und Blut. Es gibt bei der Aufführung eine unmittelbare Interaktion zwischen Spieler und Publikum. Man kann sich nicht in der Anonymität des Internets verstecken, dennoch kann man auf der Bühne in Parallelwelten entschwinden.“

Training auf geistiger und mentaler Ebene

Wie hingegen die Förderung der Sprech- und Sprachfähigkeit im Verbund mit Konzentrations-, Lern- und Gedächtnistraining durch Theaterspiel beurteilt werden kann, hänge von der individuellen Situation, der Begabung und dem Willen der Kinder und Jugendlichen ab, fasst Steiger zusammen und März erinnert sich: „Bei der Theaterarbeit wird einiges an eigenständiger Denk- und Merkleistung abgefordert, was auch sicher für die Schule günstig ist. Wichtig ist vor allem: Kreativität ist nicht auf Knopfdruck abrufbar. Patentlösungen gibt es nur selten. Der ganze Entwicklungs- und Entstehungsprozess eines Stückes bringt ein zeitaufwändiges Suchen und auch wieder Verwerfen mit sich, was manchmal zum Verzweifeln ist. Aber mit einem Sich-nicht-zu-schnell-Zufriedengeben werden Durchhaltevermögen und Beharrlichkeit trainiert – Grundvoraussetzungen für den Beruf des Schauspielers.“
Wenn Kinder mit schwierigem Hintergrund Theater machen

Besonders tiefgreifend können die Erfahrungen beim Theaterspielen für Schüler und Schülerinnen mit Problemen schulischer, familiärer oder persönlicher Natur sein, zum Beispiel nach traumatischen Erlebnissen. Auch Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund sowie mit geistiger oder körperlicher Behinderung können hier eine ganz andere Art von Problembewältigung erfahren. Zunächst gilt es jedoch, die jeweilige Ausgangsposition klar zu analysieren. Um welche Probleme handelt es sich? Wer verursacht sie? Wie wirken sie sich aus? Welche Möglichkeiten der Bewältigung bestehen? Solche und viele andere Fragen sind zu berücksichtigen. Steiger erzählt aus der Praxis: „Das Einbringen anderer als gewohnter Welten sehe ich nicht ganz unproblematisch. Selbst Rollenspiele im Unterricht bedürfen gründlicher Vorbereitung und genauer Planung, was die Durchführung und Zielsetzungen anbelangt. Mag sein, dass das Spiel an sich Selbstzweck genug ist, doch in bestimmten Klassenkonstellationen, zum Beispiel mit hohem Migrationsanteil oder mit einschneidender häuslicher Problematik wie Ehescheidungen, Krankheiten und Todesfälle, sollten die Koordinaten exakt festgelegt werden, um böse Überraschungen und persönliche Verletzungen einigermaßen zu vermeiden. Ganz ausschließen lassen sich unvorhergesehene Ausbrüche latenter Befindlichkeiten allerdings nie.“

Überwiegend hat er jedoch positive Erfahrungen gemacht und nennt eines der unzähligen Beispiele: „Ein Außenseiter der Klasse, Einzelgänger mit deutlichen Auffälligkeitsmerkmalen etwa bei der Kleidung, der Sprache und im Benehmen, kam in unsere Gruppe. Er mauserte sich dort vom Exoten zu einem der tragenden Mitakteure. Dank seiner vielseitigen Begabungen konnte er bei vielen Themen, die wir aufgriffen, Akzente setzen … Nach jahrelanger Aktivität bei uns nahm er ein Studium auf. Heute ist er Zahnarzt.“

Freizeitbeschäftigung mit therapeutischem Effekt

Auch Daniela März begegnete Herausforderungen, als sie mit 15 Jahren mit ihrer Mutter und ihrem Bruder zur Familie ihres Stiefvaters – ihr leiblicher Vater verstarb schon früh – vom Tegernseer Tal im Voralpenland in das bayerisch-schwäbische Flachland um Günzburg zog: der Mentalitätswechsel, das Einleben in eine neue Patchwork-Familie, der Wechsel mitten im Schuljahr und das Ankommen in einem bereits gewachsenen Klassenverband, der seit der fünften Klasse relativ unverändert geblieben war. Dazu kam, dass Schulstoff nachgeholt werden musste, da Fächer an der neuen Schule anders strukturiert waren. Die Zugehörigkeit zur Theatergruppe veränderte jedoch ihre bedrückende Situation: „Ich habe dadurch schnell einen neuen Freundeskreis gefunden und durch das Spiel und die Gruppenzugehörigkeit konnte ich das Gefühl kompensieren, eine Art Heimatverlust erlitten zu haben. Ich war in der glücklichen Lage, mich in einer Gruppe Gleichgesinnter künstlerisch ausprobieren zu können. Wir konnten zu gesellschaftlich und politisch brisanten Themen kreativ Stellung beziehen. Unsere Stücke behandelten zum Beispiel die Umweltproblematik, die neuere deutsche Geschichte, AIDS, Bürokratismus und biblische Themen. Manchmal ging es auch einfach darum, bei einer Stückentwicklung herzhaft lachen zu können, zum Beispiel bei Märchenpersiflagen.“ Die schulischen Leistungen kamen dabei nicht zu kurz: „Die Proben passten sich dem Schulwochenverlauf sehr gut an und die längeren fanden meist am Samstag statt.“

Rat an die Eltern

„Wenn Kinder sich fürs Theaterspielen interessieren, sollten sie einfach die Chance bekommen, es auszuprobieren“, empfiehlt die Schauspielerin. „Durch das Theaterspiel kann bei Kindern und Jugendlichen das Interesse an Fächern geweckt oder sogar wieder neu entfacht werden, besonders an Deutsch, Geschichte, Religion, Ethik und Sozialkunde. Historische Stoffe können dazu inspirieren, sich mit der jeweiligen Zeitepoche näher zu befassen. Und wer sagt, dass das Kind am Ende auf der Bühne landet? Womöglich hat es mehr Freude an der Bühnentechnik, am Musikmachen oder -komponieren, am Requisitenbau oder Ähnlichem. Eine schöne Erfahrung fürs Leben macht man auf alle Fälle: Bei einem Projekt sind alle gleich wichtig, damit mit vereinten Kräften etwas Großes entstehen kann!“