Viele Unternehmen sehen in der Optimierung des Net Working Capitals, eine Chance, um auch die Zahlungsbedingungen mit Ihren Kunden und Lieferanten neu zu gestalten. In der Regel verkürzen sie die Zahlungsziele für die Kunden und verlängern die der Lieferanten. Ziel ist es, den Nettofinanzbedarf eines Unternehmens zur Finanzierung kurzfristiger Aktiva zu reduzieren und den Cash-Flow zu stärken. Im Optimalfall können sie durch diese Finanzierungsart kurzfristig die Finanzierungsquelle von den Banken auf die Lieferanten und Kunden übertragen. Die finanzielle Flexibilität steigt, die Kapitalkosten werden gesenkt und dem Unternehmen steht mehr Liquidität zur Verfügung.
Wo liegt der tatsächliche Nutzen?
„Die Optimierung der Forderungs- und Verbindlichkeitsstrukturen kann – sieht man allein den kurzfristigen Nutzen für das Unternehmen – eine sinnvolle Maßnahme sein. Allerdings wird durch die Veränderung der Zahlungsziele die Last der Finanzierung lediglich auf eine vor- oder nachgelagerte Stelle verschoben – der volkswirtschaftliche Nutzen ist hierbei nicht erkennbar“, erklärt Omar Farhat, Geschäftsführer der Düsseldorfer Unternehmensberatung OPC.
Bei diesem Vorgehen spielen zudem die Machtverhältnisse einzelner Unternehmen eine tragende Rolle. Leittragende sind die Unternehmen mit geringer Marktmacht, ihnen werden die Bedingungen der stärkeren Unternehmen auferlegt. „Es sind also die kleineren Unternehmen, die letztendlich die Finanzierungslast im Wirtschaftszyklus tragen. Das kann soweit führen, dass kleine Unternehmen aufgrund der kürzeren Zahlungsziele in eine finanzielle Notlage und im schlimmsten Fall in die Insolvenz getrieben werden. Ein Szenario, von dem letztendlich auch den großen Unternehmen nicht profitieren, denn eine nachhaltige Kunden – Lieferantenbeziehung auf partnerschaftlicher Basis ist dann nicht mehr möglich“, so Unternehmensberater Farhat.
Die Konsequenzen sind offensichtlich: Im Bereich der Lieferanten bleiben wenig alternative Anbieter, die Gefahr des Single Sourcing – des Einkaufs bei nur einem Lieferanten – wächst. Bei den Kunden leidet der Ruf des Unternehmens, die eventuell sogar zu den Wettbewerbern mit vermeintlich besseren Zahlungskonditionen abwandern.
Der Schuss kann nach hinten losgehen
Die kurzfristig realisierbaren Liquiditätsverbesserungen sind ein überzeugendes Argument für die Optimierung des Net Working Capitals. Jedoch gerät durch die Fokussierung auf bilanztechnische Messgrößen der Blick auf das operative Geschäft in den Hintergrund. Stabile Geschäftsbeziehungen sind in vielen Fällen über einen langen Zeitraum hinweg gewachsen und verfestigt worden und das partnerschaftliche Verhältnis sollte auch in schwierigen Zeiten nicht übermäßig strapaziert werden. Durch ein aggressives Net Working Capital Management kann das Vertrauen in die langfristige Beziehung und die Motivation zu einer konstruktiven Zusammenarbeit erheblich beeinträchtigt werden.
So können sich die möglichen Vorteile der Optimierung des Forderungs- und Verbindlichkeitsmanagements durch die mittelfristigen Auswirkungen im Markt letztendlich zu Nachteilen entwickeln.