Neues Deutschland: zu den Wikileaks-Veröffentlichungen

Es gab gestern auch Leute, die sich um den Ruf der
USA als führende Internet-Nation sorgten. Man dachte eigentlich, nach
dem Lochkarten-Wahldesaster von Florida sei da der Lack ohnehin ab.
Nun aber soll das von Wikileaks öffentlich gemachte Datenleck in
Washingtons geheimen Regierungsnetzwerk auch noch das Ende der
Diplomatie eingeläutet haben. Dabei war in den Tagen vor der
angekündigten Enthüllung von geheimen Dokumenten des State Department
so viel diplomatischer Dialog wie selten, um den Schaden zu
begrenzen. Doch der außenpolitische Scherbenhaufen für Präsident
Obama wird immer größer. Das Debakel am Hindukusch, sein gebrochenes
Guantanamo-Versprechen, fruchtlose Nahost-Gespräche, hilflos in der
Korea-Krise, der Abrüstungsvertrag mit Moskau in Gefahr – und jetzt
kann auch noch jeder in 250 000 vertraulichen Depeschen lesen,
wie die Hybris der vermeintlichen Supermacht peinlich-undiplomatische
Worte und Werturteile findet, die man nun schwerlich als
antiamerikanische Stimmungsmache abtun kann. Und auch Verbündete
werden gnadenlos aufs Kreuz gelegt, wenn es den eigenen Interessen
dient. Führende Republikaner forderten Strafverfahren gegen die
Wikileaks-Betreiber, hätten sie doch »Blut an ihren Händen«. Das
passt irgendwie zur Tonlage der Geheimdokumente und verzerrt die
Realität ins Groteske – für Tausende Kriegstote haben jene gesorgt,
die nun »Haltet den Dieb« rufen.

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