Neue OZ: Kommentar zu Schulen / Reformen / Regierung / Hamburg

Bildungspolitische Zwangsbeglückung

Das Beste am Hamburger Schulstreit ist, dass er vorbei ist. Denn
auch wenn es manchmal nicht den Anschein hat: Es gibt wichtigere
Fragen in der Bildungspolitik als die, ob alle Schüler vier oder
sechs Jahre lang gemeinsam lernen. Wenn die Eltern sich mit gleicher
Intensität, mit der sie um das System gefochten haben, außerschulisch
um ihre Kinder kümmerten, wäre bereits viel gewonnen. Auch andere
Dinge wirken sich stärker aus: ein dichtes Netz der Betreuung im
vorschulischen Bereich bis hin zu den Nachmittagen in späteren
Jahren, qualifizierte und motivierte Lehrer, Sprachförderung im
Kindergarten und mehr.

Was Kinder aber gewiss nicht brauchen, ist ein föderales Chaos.
Die Lehre aus Hamburg für andere Länder lautet deshalb, es mit der
bildungspolitischen Zwangsbeglückung nicht zu übertreiben – weder in
die eine noch die andere Richtung. Die neue Minderheitsregierung in
NRW hat das bereits erkannt. Ãœberraschend setzt sie nicht auf eine
Schulreform von oben, sondern will es Kommunen und Trägern selbst
überlassen, Schulen gegebenenfalls umzugestalten – auch mit der
Erfahrung im Rücken, dass an Rhein und Ruhr schon in den 70er-Jahren
das „Gesetz zur Orientierungsstufe und Kooperativen Schule“ krachend
am Elternwillen gescheitert war.

Kultusminister, Lehrer und Eltern sind ohnehin gut beraten, sich
stärker für den Rahmen und ebenso praktische wie pragmatische Fragen
wie nach der Vergleichbarkeit von Abschlüssen und Lehrplänen zu
interessieren, statt sich in Systemstreits ständig ideologisch selbst
zu inszenieren.

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