Weißer Palast statt Weißes Haus: Fürs Erste
musste sich Wladimir Putin am Dienstag mit einem Empfang in Recep
Tayyip Erdogans Präsidentenresidenz in Ankara begnügen. Während in
Moskau die Wellen hochschlugen, weil US-Präsident Trump den
Kreml-Chef angeblich nach Washington eingeladen haben soll (was
zunächst unbestätigt blieb), reiste Putin in die Türkei. Anlass war
der Bau eines russischen Atomreaktors, dessen Grundsteinlegung es zu
feiern galt. Und natürlich geht es bei dem zweitägigen Treffen in
Ankara auch um den Syrien-Konflikt. Manch ein Beobachter reibt sich
noch immer verwundert die Augen. Erst gut zwei Jahre ist es her, dass
sich Russen und Türken, die auch historisch als Rivalen gelten, in
Syrien als Gegner gegenüberstanden, wenn nicht gar als Feinde. Als
Erdogans Generäle 2015 einen russischen Jagdbomber abschießen ließen,
drohte eine Eskalation. Doch das scheint ein Szenario aus einer
längst vergangenen Zeit zu sein. Ein dutzend Mal haben sich die
Präsidenten Putin und Erdogan seither getroffen. Nun führt den
Kremlchef seine erste Auslandsreise nach seiner Wiederwahl im März
wie selbstverständlich nach Ankara. Warum das so ist, hat einerseits
mit schnöden ökonomischen Vorteilen zu tun. Beide Seiten profitieren
wirtschaftlich enorm vom intensivierten Handel. Energie,
Lebensmittel, Tourismus: Das sind die wichtigsten Branchen, in denen
Türken und Russen lieber miteinander Geld verdienen als sich
gegenseitig zu sanktionieren. Aber der Profit allein kann die neue
Freundschaft an der Grenze zwischen Europa und Asien nicht erklären.
Es geht um mehr. Es geht um die Rolle beider Länder in der Welt, und
das wiederum hat mindestens indirekt etwas mit der Frage zu tun, ob
Putin irgendwann einmal wieder eine Einladung ins Weiße Haus bekommt
oder nicht. Denn auch wenn der Kreml-Chef kaum eine Gelegenheit
auslässt, um die antiwestliche Stimmung in Russland zu schüren
(zuletzt im Fall Skripal), so heißt sein Ziel nicht Konfrontation,
sondern Anerkennung. Anerkennung durch den Westen, vor allem durch
die USA. Putin kämpft seit seinem Amtsantritt zur Jahrtausendwende
darum, den Untergang der russisch dominierten Supermacht Sowjetunion
vergessen zu machen. Dafür muss er auf Augenhöhe mit den politischen
Führern des Westens agieren. Deshalb hat er die Krim annektiert.
Deshalb hat er Truppen nach Syrien geschickt. Und deshalb verbrüdert
er sich geradezu mit Erdogan. Dessen Lage ist zwar eine andere, aber
dennoch vergleichbar. Auch das Nato-Mitglied Türkei ringt um
Anerkennung im Westen, vor allem durch die EU. Erdogan beharrt
darauf, sein Land wolle Vollmitglied in der Staatengemeinschaft
werden, auch wenn er sich durch seine autoritäre Politik im Innern
und sein aggressives Vorgehen gegen die Kurden in Syrien faktisch
immer weiter von allen denkbaren Beitrittsszenarien entfernt. Der
Feind meines Feindes ist ein Freund, lautet ein altes
machtpolitisches Prinzip. Frei nach dieser Devise kommt heute auch
der iranische Präsident Hassan Ruhani nach Ankara, um mit Putin und
Erdogan über die Situation in Syrien zu reden. Drei Parias der
Weltpolitik, in trauter Runde vereint. So könnte man spotten, wenn
die Lage nicht so ernst wäre. Denn das Sterben in Syrien, wo Türken,
Russen und Iraner ihre je eigene unselige Rolle spielen, geht
unvermindert weiter. Nein, der Dreiergipfel der vermeintlichen
Siegermächte in Syrien ist keine Demonstration irgendeiner Stärke,
sondern ein Beleg dafür, dass Außenseiter gefährlich sein können. Kim
Jong-un in Nordkorea lässt grüßen. So gesehen wäre es vielleicht
nicht die schlechteste Idee, Putin einmal wieder ins Weiße Haus
einzuladen.
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