„Innovationen, die unsere Gesellschaft nachhaltig veränderten, so wie die des Penicillins, konnten zwar durch die Schaffung von Rahmenbedingungen begünstigt werden – also die Experimentation im Labor und die Zusammensetzung bestimmter Stoffe. Was jedoch nicht geplant werden konnte, war die Erfindung an sich. Der glückliche Zufall – die Serendipität – erst ermöglichte die Entdeckung selbst“, erklärt Sven Bietau, Geschäftsführender Gesellschafter bei CSMM – architecture matters. „Er fordert daher einen vehementen Paradigmenwechsel in der Arbeitswelt – weg vom Notwendigkeitsraum hin zu einem Möglichkeitsraum. Nach seinen Worten bedient ein solcher Paradigmenwechsel auch die Maßgabe, in Zukunft wirklich nachhaltig zu bauen. Der Möglichkeitsraum ist nachhaltig, weil er neben den ökonomischen auch die ökologischen, sozialen und kulturellen Aspekte gleichwertig berücksichtigt. Nach Meinung der Veranstalter der Messe LOUNGES steckt „die Thematik nachhaltiges Bauen in vielen Bereichen noch in den Kinderschuhen, entwickelt sich aber rasend schnell weiter.“ Daher diskutieren auf der Messe erstmalig Experten einen eigenen Themenkomplex ressourcenschonendes Bauen, subjektiv aus ihrem Blickwinkel. Sven Bietau widmet sich dem am Beispiel des Büros aus der architektonischen Perspektive.
Der New-Work-Experte erläutert: „Die aktuell vorherrschende Büroform ist architektonisch ausgelegt auf eine lineare und hierarchische Arbeitsweise. Unternehmen, die zukünftig wettbewerbsfähig bleiben wollen, benötigen heute aber Raum für Empathie, Kreativität und Erfindergeist – und keine reinen Zellen zum Abarbeiten“. Eine zukunftsorientierte Arbeitsumgebung muss im neu angebrochenen Jahrzehnt mehr sein als die Kopie oder Abwandlungen eines Notwendigkeitsraums in schickem Design. Denn ‚Experience Design‘ beziehungsweise ‚User Driven Design‘ sind aus der Bürowelt nicht mehr wegzudenken. CSMM plädiert daher für den Ansatz, künftige Arbeitswelten als Möglichkeitsräume zu konzipieren. „Möglichkeitsräume verfolgen primär das Ziel, Innovation zu begünstigen. Sie schaffen dem Menschen eine Umgebung, in der er als soziales und innovierendes Wesen existieren kann. Alles ist in diesem Raum möglich, frei nach dem Prinzip der Serendipität.“
Die Wichtigkeit von Innovation
„Unternehmen müssen sich fragen: Was ermöglicht oder begünstigt Innovation?“ erklärt Bietau weiter und nennt als drei besonders wichtige Innovationsfaktoren Kommunikation, Kreativität und Serendipität. „Kommunikation sichert das Bewusstsein über Wissen von jedem Kollegen, den Austausch sowie die Weiterentwicklung von Ideen“, erläutert der Architekt. Auf Kreativität zielen neue Arbeitsmethoden ab. Indem Routinen gebrochen werden, können Probleme unkonventionell gelöst werden. Sven Bietau fordert einen neuen Denkansatz, bei zu Kommunikation und Kreativität ein für Bürowelten neuartiger Aspekt hinzukommt – die Serendipität. „Der gut geplante Möglichkeitsraum forciert positive zufällige Begegnungen. Wenn sich glückliche Zufälle häufen, wächst das Innovationspotenzial.“ Gleichzeitig gibt er dem Menschen Werkzeuge und bietet Arbeitsszenarien, die dieser braucht, um die Invention, also die Vorstufe der Innovation erst möglich zu machen. Arbeitsumgebungen müssen in ihrer Planung neu gedacht werden. Das Büro bleibt notwendig, ein identifikationsstiftender, sozialer Treffpunkt. Denn das Büro ist künftig kein Ort des Abarbeitens, sondern Keimzelle von Innovationen.
Mit dem Wandel der Beschäftigungssektoren haben sich die Ziele der Arbeit gewandelt. Während sie einst vor allem dem Ãœberleben diente, dann ein Großteil der Berufe in Folge der industriellen Arbeitsteilung reines Abarbeiten als Ziel verfolgte – geht es in der heutigen Wissensgesellschaft meist darum, Innovation zu schaffen, um marktfähig zu bleiben. Die Digitalisierung stellt das vorherrschende Bürobild auf den Kopf. Sie erlaubt nicht nur zeit- und ortsunabhängiges Arbeiten, sondern vernetzt, beschleunigt und ermöglicht in bisher nicht gekanntem Umfang. Bietau: „Nichts beeinflusst uns so stark, wie der unmittelbar umgebende Raum. Daher muss jenen Faktoren besonders viel Raum eingeräumt werden, die Innovation begünstigen.“