Bonn – Martin war 70 und Inge 62, als sie sich zufällig einen Tisch teilen mussten beim
Italiener am Eck. „Was ist das nur für ein einsamer trauriger Vogel“, dachte sie noch. „Was
für eine Erscheinung, so eine schöne Frau, aber sie wirkt so traurig“, so sein Eindruck von
ihr. Und irgendwie kamen sie dann ins Gespräch: Beide hatten vor einigen Jahren ihren
langjährigen Partner verloren und waren jetzt alleine.
Aus der zufälligen Begegnung entwickelte sich eine Liebesgeschichte, doch in jedem
anderem Alter wäre sie einfacher und unkomplizierter verlaufen. Die beiden merkten recht
schnell, dass da mehr war, als nur Freundschaft und Verständnis. „Ich war verliebt, ich
stand in Flammen. Ich konnte nur noch daran denken, mit dieser Frau ins Bett zu gehen,
ihr ganz nahe zu sein“, erzählte Martin. Aber Inge zögerte: „Ich spürte, dass da etwas
zwischen uns ist, aber ich wollte es nicht wahrhaben. Ich hatte für mich mit dem Thema
Intimität abgeschlossen. Mein Frauenarzt war der einzige, der mich noch sehen durfte.“
Und dann gab es noch ihre Tochter, die bislang jeden Mann, der nur in die Nähe ihrer
Mutter kam, weggebissen hat. Das Andenken ihres Vaters sollte nicht in den Schmutz
gezogen werden. Inge hatte bislang immer nachgegeben, denn sie wollte die Beziehung
zu ihrer Tochter nicht gefährden.
Dr. Beatrice Wagner kann viele solcher Geschichten erzählen. Sie ist Sexualtherapeutin
und die Expertin des GND – Generationen Netzwerk für Deutschland – auf dem Gebiet
Liebe und Sex http://bit.ly/l7pG2S. „Verlieben und Sex ist in vielen Köpfen nach wie vor
ein junges Thema. Junge Menschen tun sich oft schwer, ihre Eltern mit dem Thema Sex zu
verbinden. Die gucken schon mal blöd, wenn Ältere knutschen“, sagt Wagner, die ihr
neuestes Buch gemeinsam mit dem mittlerweile verstorbenen Oswalt Kolle geschrieben
hat. „Aber zum Glück ändert sich das langsam.“
Dennoch haben gerade ältere Menschen Gedanken wie: Das gehört sich nicht, bin ich
denn die einzige, die Lust hat oder was denken denn die Nachbarn. „Es ist sehr hilfreich,
wenn man erfährt, dass man nicht allein ist mit den Gedanken an Sex. Es ist wichtig, dass
darüber geredet wird, aber auf ganz normale Art und Weise, deshalb finde ich die Initiative
des GND, das Thema Sex im Alter zu enttabuisieren, super. Der GND kann durch
Aufklärungsarbeit und Beratung sehr viel dazu beitragen, dem Thema das Tabu zu
nehmen“, so Wagner.
Beim GND findet man nach eigenen Angaben auch Anregungen zum Thema
Kennenlernen im Alter – was bei Partnerschaftsbörsen zu beachten ist, wie man seriöse
Anbieter erkennt und welche Daten nicht genannt werden sollen. In dem Check-up
„Lebens-Lust“ http://bit.ly/kfUIXl könne man seine Wünsche zur Sexualität herausfinden:
„Wir sind für die Menschen da, die mitten im Leben stehen“, sagt Claudia Rutt, Vorstand
des GND. „Und der tiefe Wunsch nach Liebe, Leidenschaft und Geborgenheit spürt jeder
Mensch in sich – egal in welchem Alter. Doch noch immer ist das Thema mit Tabus belegt.
Nun ist die Zeit reif, diese Tabus zu brechen.“
Mit der Expertin Dr. Beatrice Wagner habe der GND dafür den richtigen Ansprechpartner
an Bord geholt. „Die erfahrene Therapeutin unterstreicht, dass Lust auf Sex und der
Wunsch nach Nähe und Zärtlichkeit nicht vom Alter abhängen. Mehr noch: Sex ab 40 hält
sogar neue Verlockungen bereit, die er in jüngeren Jahren nicht bieten kann. Das
bestätigen wissenschaftliche Studien immer wieder. Und Wagner weiß aus vielen
Gesprächen, dass sich Erfahrung positiv auswirkt und dass gerade Frauen oft befreiter
sind, wenn kein Schwangerschaftsrisiko mehr besteht“, erläutert Rutt.
Auch die Geschichte von Martin und Inge nahm schließlich ein gutes Ende. Er hatte es
nach einigen Monaten geschafft, sie zu einem Wochenendausflug in ein Wellnesshotel
einzuladen. Und dort, weitab vom Einfluss der Tochter, begannen die beiden behutsam
damit, sich besser kennenzulernen. Es zeigte sich, wie viel aufgestaute Sehnsucht nach
Zärtlichkeit und Hingabe vorhanden war. Jetzt begann ihre Liebe erst richtig aufzublühen.