Dass sich das Fach auch mit gesellschaftlichen Themen aktiv auseinander setzt, beweisen das Musiktherapiezentrum und der Masterstudiengang Musiktherapie am Zentralinstitut für Weiterbildung (ZIW) an der Universität der Künste Berlin. Am 11. Dezember findet dort die Fachtagung „Interkulturelle Aspekte in der therapeutischen Arbeit“ statt. In Vorträgen und Diskussionsrunden gehen Referentinnen und BesucherInnen der Frage nach, was passiert, wenn nicht nur TherapeutIn und PatientIn, sondern auch unterschiedliche kulturelle Vorstellungen aufeinander treffen. „Die Welt rückt immer enger zusammen, das spüren wir ganz besonders hier in Berlin,“ erklärt Prof. Dr. Susanne Bauer, Studiengangsleiterin des Masterstudiengangs Musiktherapie, Mitorganisatorin und Referentin der Fachtagung. „Diese Vielfalt an verschiedenen Einstellungen und Prägungen bestimmt nicht nur unser Zusammenleben im Alltag, sondern macht sich auch im therapeutischen Kontext bemerkbar. Das bedeutet eine Herausforderung für TherapeutInnen und für PatientInnen gleichermaßen.“
Sich selbst und Andere interkulturell erleben
Die Fachtagung am 11. Dezember untersucht, wie sich unterschiedliche kulturelle Hintergründe auf die Beziehung zwischen PatientIn und TherapeutIn auswirken. Referentinnen aus unterschiedlichen therapeutischen Bereichen berichten über ihre Erfahrungen. Sowohl im Umgang mit PatientInnen aus anderen Kulturen in Deutschland als auch über die Ansprüche, die an deutsche TherapeutInnen im Ausland gestellt werden. „Ziel der Fachtagung ist es, das Gefühl der Fremde innerhalb der Therapie zu thematisieren,“ fasst Prof. Dr. Bauer zusammen. „Menschen, die in einer fremden Kultur therapeutische Hilfe benötigen, haben oft große Hemmungen, diese tatsächlich anzunehmen. Ebenso wie TherapeutInnen, die außerhalb ihrer eigenen Gesellschaft tätig sind, oft nicht wissen, wo sie ansetzen sollen. Die Musiktherapie bietet wichtige Methoden, um diese Hürden zu überwinden.“
Dass sie sich mit Interkulturalität bestens auskennen, beweisen die MusiktherapeutInnen am ZIW jeden Tag aufs Neue. Der Studiengang mit seiner Verknüpfung aus künstlerischen, klinischen und wissenschaftlichen Elementen zieht Studierende aus aller Welt an. Ob aus Spanien, Bulgarien oder Südkorea – jeder von ihnen kommt mit einer ganz eigenen Auffassung von Therapie und davon, was es heißt, selbst Therapeut oder Therapeutin zu sein. Neben einer fundierten wissenschaftlichen Ausbildung in Bereichen wie Psychologie, Medizin und therapeutischen Ansätzen gehört gerade der Umgang mit dieser Vielfalt zu den Hauptmerkmalen des Musiktherapiestudiums am ZIW. Während des sechssemestrigen Studiums lernen die Studierenden, diese verschiedenen Ansichten zu respektieren, auf andere einzugehen, aber auch die eigene Rolle zu reflektieren. Wichtige Voraussetzungen für eine erfolgreiche Tätigkeit als MusiktherapeutIn.
Bewahren statt behandeln
Neben der Behandlung setzen Prof. Dr. Bauer und ihre Kolleginnen Prof. Dr. Karin Schumacher und Andrea Intveen auch auf den Einsatz der Musiktherapie in der Prävention. Derzeit bietet das Musiktherapiezentrum ein Projekt für arbeitssuchende Menschen aus dem Kiez an, die aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten kommen. Einmal in der Woche trifft sich die Gruppe, um gemeinsam zu musizieren und zu improvisieren. Und um neue Erfahrungen zu sammeln: Im musikalischen Austausch zeigen die TeilnehmerInnen ganz neue Facetten ihrer Persönlichkeit. Unabhängig von sozialem Status und kulturellem Hintergrund findet die Kommunikation über die Musik statt. Die TeilnehmerInnen verständigen sich mit Blicken und Gesten, über Töne und Rhythmen. Auf diese Weise werden Vorurteile abgebaut und das Einfühlungsvermögen gefördert. Prof. Dr. Bauer erklärt den Ansatz: „Die Musiktherapie eignet sich hervorragend als präventive Methode. Wir wollen auf die Menschen zugehen, bevor sie zu Patienten werden. Das gemeinsame Musizieren und der anschließende Austausch über das Erlebte stärken den Lebensmut, das Selbstwertgefühl und den Glauben an die eigenen Ressourcen.“
Prof. Dr. Susanne Bauer, Studiengangsleiterin Musiktherapie
Prof. Dr. Susanne Bauer ist studierte Musiktherapeutin und Psychologin. Seit 1991 wohnt sie mit ihrer Familie in Santiago de Chile. Dort baute sie ab 1999 den postgradualen Studiengang Musiktherapie auf, den sie bis heute leitet. Seit 2009 ist sie außerdem Dozentin und Studiengangsleiterin des Masterstudiengangs Musiktherapie am Zentralinstitut für Weiterbildung (ZIW) an der UdK Berlin.
Zu den Forschungsschwerpunkten von Prof. Dr. Bauer gehören die Veränderungsprozesse in der Musiktherapie, zu ihren klinischen Schwerpunkten zählen Musiktherapie bei Essstörungen, depressiven Störungen und schizophrenen PatientInnen.
Musiktherapiezentrum an der UdK Berlin
Fachtagung „Interkulturelle Aspekte in der therapeutischen Arbeit“
Samstag, 11. Dezember 2010 • 9 bis 16 Uhr
Universität der Künste Berlin
Bundesallee 1-12 • 10719 Berlin
Kleiner Vortragssaal
Die Fachtagung richtet sich an praktizierende Musik- und PsychotherapeutInnen,
PsychologInnen, ÄrztInnen, Studierende der genannten Fachrichtungen sowie an
InteressentInnen aus angrenzenden Berufsfeldern.
Kosten: 40 Euro, für Studierende 30 Euro
Weitere Informationen unter
www.udk-berlin.de/musiktherapie