
Leverkusen. Je größer der Fachkräftemangel in der IT-Branche wird, desto mehr denken Unternehmen über Off- und Nearshoring nach. Software aus Osteuropa oder Fernost wird zunehmend gefragt. Insbesondere Rumänien hat sich als Nearshoring-Standort in Europa etabliert, verfügt über zahlreiche Programmierer, IT-Spezialisten und Software-Architekten, die zudem, gemessen an deutschen Maßstäben, preiswert einzukaufen sind. Nearshoring lohnt sich sehr oft, aber eben nicht immer, mahnt Nearshore-Spezialist Christian Becker. Er nennt entscheidende Kriterien, die IT- und Personalabteilungen beachten sollten, wenn sie an Nearshoring denken.
„Es gibt vier elementare Fragen, die sich Unternehmen stellen sollten“, sagt der Diplom-Ingenieur, MBA und IT-Outsourcing-Experte Christian Becker. Selbst bei Nearshoring in ein EU-Land wie Rumänien mit europäischen Standards und guter technischer Infrastruktur könnten die langfristigen Gesamtkosten den Nutzen übersteigen. Eine Entscheidung pro oder contra Nearshoring sollte immer erst nach einer ganzheitlichen Analyse und einer umfassenden Beratung getroffen werden. In manchen Fällen seien die Overhead- und Prozesskosten so hoch, dass sich die Einstellung eigenen Personals eher lohne, so Becker.
Eigene Mitarbeiter lohnten sich vor allem dann, wenn der Bedarf fragmentiert sei, eine Software oder ein IT-Projekt also nicht durchgängig umgesetzt werden könne. Häufig sei dies bei IT-Einheiten der Fall, die ausschließlich mit Fehlerbehebungen oder Support beschäftigt seien. „Die Kosten sind dann für beide Seiten schwer kalkulierbar. Schließlich weiß ja niemand, wann ein Software-Fehler auftritt, wie lange es dauert, ihn zu beheben und welchen Umfang die Korrektur hat“, erklärt Becker. Die Leerzeiten müssten dann in der Regel vom Auftraggeber gezahlt werden. Das sei teuer, denn schließlich müsse ja trotz der nicht kalkulierbaren Aufgaben eine ständige Zuverlässigkeit und Verfügbarkeit des Teams gewährleistet sein. Wer also keine durchgängige Grundauslastung für sein IT-Projekt benötigt, könnte mit einer Entscheidung pro Nearshoring einen Fehler machen. Das sei die erste wichtige Frage.
Die zweite Frage, erklärt der Geschäftsführer des Nearshore-Unternehmens Infobest, sei die nach der Gesamtprojektgröße. „Outsourcing ist immer mit Overhead-Kosten für das Projektmanagement, das Prozesshandling und die Kommunikationssteuerung verbunden.“ Hinzu kämen häufig interkulturelle Aspekte, die Projekte rein kommunikativ komplizierter machten. Die Overhead-Kosten lägen kalkulatorisch in der Regel zwischen 10 und 15 Prozent im Vergleich zu Onshore-Projekten. Nearshoring nach Rumänien lohne sich zum Beispiel erst ab einem Projektumfang von circa 50 bis 60 Personen-Tagen. Erst dann würden die Overhead-Kosten und die einmaligen Kosten für das Aufsetzen eines Projekts durch das niedrigere Lohnniveau amortisiert.
Als dritten wichtigen Aspekt nennt Becker die gegenseitigen Erwartungen des Auftraggebers und des Nearshore-Unternehmens. „Soll ein Projekt agil, nach „Wasserfall“ oder nach dem sogenannten V-Modell umgesetzt werden? Wie oft sollen Reportings und in welchem Umfang erstellt werden? Wie aufwendig ist der Kommunikations- und Interaktionsprozess?“ Fragen, die am langen Ende eine Menge Geld verschlingen können, wenn sie nicht vorher besprochen und kalkuliert werden. Man müsse das Prozessverhalten harmonisieren, so Beckers Credo. Das sei sowohl eine kalkulatorische Frage als auch eine der internen Unternehmenskultur der Auftraggeber. Wer viele Detailberichte, aktuelle Zwischenstände und umfassende Projekt-Reportings benötige oder wünsche, der müsse die Kosten dafür auch einplanen.
Ergänzend nennt Becker den Punkt Sprache. Auch wenn zahlreiche IT-Nearshorer heute deutschsprachige Berichte, deutschsprachige Ergebnisse und vor allem einen deutschsprachigen Projektleiter bereitstellten, müsse trotzdem eine „sprachliche Grundflexibilität“ im Unternehmen vorhanden sein. Schließlich müssten manche Details der Software-Entwicklung zwischen dem Programmierer und dem zuständigen Experten auf Auftraggeber-Seite besprochen werden. Zwar sei gerade in Rumänien die Mehrsprachigkeit sehr ausgeprägt, aber nicht jeder Entwickler spreche neben seiner Muttersprache fließend Deutsch. Englisch hingegen sei aber in IT-Unternehmen sehr weit verbreitet.
Christian Becker: „Nur wenn alle vier Aspekte positiv geklärt sind, ist Nearshoring die bessere und kostengünstige Alternative zum eigenen Personal. Niedrigere Personalkosten allein sind kein ausreichendes Argument.“
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