
Dramatische Nachrichten sind nur wirklich glaubwürdig, wenn sie mit Originalaufnahmen unterfüttert werden. Dieses wertvolle Material ist heute in größerem Umfang verfügbar als jemals zuvor – ein mit Smartphone ausgestatteter Augenzeuge ist fast immer vor Ort und kann Videoaufnahmen in Sekundenschnelle bereitstellen. Solche „user-generated videos“ (UGV) sind für Sender und Presseagenturen extrem wertvoll, denn sie liefern oft die ersten Bewegtbilder von einem Ereignis. Allerdings können UGV die Reputation eines Medienunternehmens auch nachhaltig schädigen, wenn sich später herausstellt, dass diese gefälscht oder manipuliert waren. Daher ist es von größter Wichtigkeit, deren Wahrheitsgehalt noch vor ihrer Weiterverbreitung zu verifizieren, auch wenn häufig großer Zeitdruck herrscht und der Verifizierungsprozess sehr ressourcenintensiv ist. Eine Gruppe internationaler Experten für Medientechnologien will den Verifizierungsaufwand jetzt drastisch reduzieren. Im Rahmen des EU-Forschungsprojektes „InVID – In Video Veritas“ entwickeln sie eine internetbasierte Plattform, die Journalisten dabei unterstützt, UGV auf Basis ihrer Relevanz zu finden und mittels neuester Analyseprozesse ihre Glaubwürdigkeit zu überprüfen.
Um diese Plattform online bereitzustellen, wird ein hohes Maß an technischer Innovation benötigt, denn der heute übliche Verifizierungsprozess beruht primär auf einer manuellen Prüfung durch geschulte Redakteure und orientiert sich nicht an objektiv messbaren Kriterien. Im Rahmen der Verifikation muss zeitnah festgestellt werden, ob Zeit und Ort des im Video festgehaltenen Ereignisses plausibel erscheinen (passen Landschaft, Tageszeit, Kleidung etc. zum Ereignis?). Darüber hinaus muss geprüft werden, ob das Material manipuliert oder schon einmal veröffentlicht wurde und ob die Metadaten korrekt sind. Ebenfalls muss herausgefunden werden, wer das Video aufgenommen hat, ob der Urheber zwecks Verifizierung und Rechteklärung kontaktiert werden kann und ob ähnliche Aufnahmen des Events im Netz verfügbar sind. Auch das Ausmaß, in dem das Ereignis bereits in den sozialen Medien diskutiert wird, wird in der Evaluierung berücksichtigt.
Ziel des InVID-Projektes ist es, die meisten der vorgenannten Schritte zu automatisieren und so den gesamten Prozess für Redakteure zu vereinfachen und zu beschleunigen. Dazu werden zunächst „Breaking News“ Themen in sozialen Netzwerken identifiziert. Videos, die User zu diesen Themen hochladen und teilen, werden nachfolgend gefunden, indiziert, zeitlich fragmentiert und auf Grundlage ihres Inhaltes annotiert. Die Annotierungen und Metadaten, welche Aufschluss über Urheber, Ort und Zeit der Aufnahme geben, ermöglichen ein erstes Ranking der Videos. Der nachfolgende Verifizierungsprozess konzentriert sich dann auf die Videos, die mit großer Wahrscheinlichkeit relevant und glaubwürdig sind. Der Verifizierungsprozess gibt ebenfalls Aufschluss darüber, ob das Video in einem anderen Kontext im Netz publiziert oder technisch manipuliert wurde. Wenn alle Überprüfungen positiv verlaufen sind, unterstützen weitere Komponenten der InVID-Plattform die Klärung der rechtlichen Rahmenbedingungen hinsichtlich der Nutzung und Weitergabe. Hierzu gehören die Identifizierung der Urheber, die Verhandlung und Vertragsgestaltung sowie die eventuelle Vergütung für die Verwendung. In allen Prozessen kommen innovative Datenanalysen und Visualisierungen zum Einsatz.