Vertrauen ist einem Bonmot nach jenes köstliche
Gefühl der Sicherheit, bevor man von der Leiter fällt. Derzeit
scheint es, als seien die deutsch-amerikanischen Beziehungen jäh von
der Leiter gefallen. Doch dies täuscht, ernsthaft passiert ist
nichts. Für ein paar Tage oder Wochen mögen die saftigen
Einschätzungen des amerikanischen Botschafters Philip Murphy über den
einen oder anderen deutschen Politiker je nach Perspektive für Wut
oder Schadenfreude sorgen. Ob Murphy und der etwas unvorteilhaft
beurteilte deutsche Außenminister Guido Westerwelle noch dicke
Freunde werden, ist unsicher, bleibt aber abzuwarten. Dem
US-Spitzendiplomaten ist jedenfalls kein Vorwurf zu machen, denn
derartige Einschätzungen, ob charmant oder nicht, gehören zu seiner
Arbeitsplatzbeschreibung. Jeder Diplomat auf der ganzen Welt hält es
so und meldet seine mehr oder minder zutreffenden Beobachtungen
seinem Außenministerium. Vergleicht man die Äußerungen Murphys etwa
mit jenen aus der US-Botschaft in London, die Gordon Brown einen
„abgrundschlechten“ Premier nannte, der „von einem Desaster ins
nächste“ stolpere, dann rücken sich die Dimensionen der
vermeintlichen Krise in Berlin rasch zurecht. Der Skandal und der
eigentliche politische Schaden durch die WikiLeaks-Enthüllungen
liegen weniger in der vorübergehenden Störung persönlicher
Beziehungen oder in verletzten Eitelkeiten, sondern in der
Torpedierung unerlässlichen Vertrauens durch Veröffentlichung von
geheimen diplomatischen Depeschen, die niemals für die Augen der
Weltöffentlichkeit gedacht waren. Das Vertrauen in die geheime Natur
von Gesprächen und Begegnungen, von Analysen und Einschätzungen ist
ein fundamentales Gut der Diplomatie. Es wäre für jede Regierung der
Welt fatal, wenn ihre Botschafter und Konsuln aus Angst vor
Bloßstellung im Internet nicht mehr offen ihre Meinung über Vorgänge
und Personen übermitteln könnten. Denn diese Einschätzungen schärfen
in entscheidender Weise die Sichtweise der jeweiligen Regierung auf
andere Staaten und Politiker. Philip Murphy ist insofern ebenso ein
Opfer dieses Vertrauensbruchs wie Westerwelle. Seine Abberufung zu
fordern, weil er eine Meinung geäußert hat, die vor allem bei der FDP
nicht jedem Freude bereitet, wirkt wie der Versuch eines
Entlastungsangriffs. Schließlich war es der Büroleiter von
Westerwelle selber, der die US-Botschaft offenbar unaufgefordert mit
erfrischenden FDP-Interna versorgt hat. Seite 3 ?US-Botschafter und
FDP in Bedrängnis
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