Guy Wagner (Banque de Luxembourg): US-Wirtschaft auf Wachstumskurs, während Deutschland schwächelt

Die Vereinigten Staaten haben wieder die Rolle als Motor der Weltwirtschaft übernommen. So konnte das US-amerikanische Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal um 3,5 Prozent zulegen. Auch die wichtigsten Preisindikatoren lagen relativ nahe bei den von der Federal Reserve angestrebten Zielvorgaben. Die Kernrate des Deflators der privaten Konsumausgaben (der bevorzugte Inflationsmaßstab der Notenbanken) stieg um 1,5 Prozent. Dagegen blieb die konjunkturelle Lage sowohl in der Eurozone als auch in Japan trüb. Selbst Deutschland, bislang die Lokomotive der europäischen Wirtschaft, verzeichnet deutliche Anzeichen einer Schwäche. „Diese Schwäche ist größtenteils auf die Spannungen zwischen dem Westen und Russland zurückzuführen“, sagt Guy Wagner, Chief Investment Officer der Banque de Luxembourg und Geschäftsführer der Kapitalanlagegesellschaft BLI – Banque de Luxembourg Investments. „In der Eurozone beherrschen Deflationsängste nach wie vor das Bild: so blieb die Preissteigerungsrate den 13. Monat in Folge unter einem Prozent.“ Zudem seien beiden anderen großen Volkswirtschaften Europas, Frankreich und Italien, nach wie vor von enormen strukturellen Problemen belastet.

Kräftige Schwankungen auf den Aktienmärkten
Nach einer längeren Phase mit geringer Volatilität schwankten die Aktienmärkte im Oktober kräftig. In der ersten Monatshälfte korrigierten die Märkte deutlich. Abgesehen vom S&P 500 büßten die wichtigsten Aktienindizes seit ihrem Jahreshöchststand über zehn Prozent ein. In der zweiten Monatshälfte legten die Börsen kräftig zu. „Ausgelöst wurden die Kursverluste bei den Aktien durch die zunehmenden Deflationsbefürchtungen, nachdem die Industrieproduktion in Deutschland überraschenderweise zurückgegangen war“, meint der Luxemburger Ökonom. „Für den schnellen und kraftvollen Aufschwung sorgten zufriedenstellende Unternehmensergebnisse, keine negativen geopolitischen Überraschungen, die fehlenden Alternativen in einem Nullzinsumfeld und die Ausweitung der quantitativen Lockerung seitens der Bank of Japan. Anscheinend sind die Deflationsrisiken nicht stark genug, um die Aktienmärkte an ihrer traditionellen Jahresendrallye zu hindern.“

Guy Wagner: Keine Aussicht auf baldigen Anstieg der Langfristzinsen
Im Oktober blieben Anleiherenditen in den USA sowie in Europa auf niedrigem Niveau. „Dennoch sprechen weder der schwache Teuerungsdruck noch die fehlenden Aussichten einer Leitzinserhöhung durch die wichtigsten Zentralbanken für einen baldigen Anstieg der langfristigen Zinsen.“ Und bei den Währungen erwartet Guy Wagner, dass sich der Euro in den kommenden Monaten gegenüber dem Dollar weiter abschwächen wird.