Ende der Zurückhaltung
Von Kai Pfundt
Die Gewerkschaften lagen in der Vergangenheit manches Mal daneben,
wenn sie vor Tarifrunden mal wieder den berühmten „kräftigen Schluck
aus der Pulle“ forderten, also eine spürbare Anhebung der Löhne und
Gehälter. Diesmal nicht. Angesichts der bemerkenswert robusten
Verfassung, mit der die deutsche Wirtschaft den heftigsten Einbruch
seit Kriegsende verkraftet hat, müssen in den kommenden Lohnrunden
Steigerungen für die Beschäftigten drin sein. Insbesondere die
Industriegewerkschaften, also IG Metall und IG BCE, um die beiden
Großen zu nennen, trugen durch eine maßvolle Tarifpolitik an
vorderster Stelle dazu bei, dass in wirtschaftlichen Kernbereichen
Massenentlassungen vermieden wurden. Dass sich die
Arbeitnehmerorganisationen angesichts der starken Auslandsnachfrage
ein Ende der Lohnzurückhaltung auf die Fahnen schreiben, kann also
nicht verwundern. Ein Ende der Stagnation bei der Entwicklung von
Löhnen und Gehältern kann dem Aufschwung, der zurzeit vor allem vom
Export getragen wird, ein zweites Standbein verschaffen – nämlich
eine anziehende Binnennachfrage. Außerdem könnte die Nörgelei anderer
Industriestaaten darüber, dass die wettbewerbsstarken Deutschen viel
für den Außenhandel tun, aber wenig, um die eigene Konsumlaune
anzuheizen, ein wenig gedämpft werden. Im übrigen haben sich beide
Seiten, Gewerkschaften wie Arbeitgeber, in den Krisenmonaten
bemerkenswert pragmatisch und sachorientiert verhalten. Dass sich
daran etwas ändert, ist vorläufig nicht zu erkennen.
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