General-Anzeiger: GENERAL-ANZEIGER Bonn zu Bildungspolitik

Wenn Hamburg Schule macht

Von Alexander Marinos

Spätestens am vergangenen Sonntag hat der erneute Glaubenskrieg
auf dem Rücken unserer Kinder begonnen. Wie schon vor 30 Jahren wird
auch jetzt wieder erbittert um das nordrhein-westfälische Schulsystem
gekämpft: Auf der einen Seite stehen die Reformbefürworter, die
sozial benachteiligten Schülern mehr Bildungschancen eröffnen wollen.
Auf der anderen Seite formieren sich die Bewahrer, die fürchten, dass
gute Schüler nicht mehr ausreichend individuell gefördert werden.
Beide Seiten können mit guten Argumenten aufwarten, über die zu
streiten es sich lohnen würde – wenn, ja wenn die Debatte nicht
ideologisch und machtpolitisch so aufgeladen wäre: hier die „Linken“,
dort die „Rechten“; hier die rot-grüne Minderheitsregierung, die dem
Land ihren bildungspolitischen Stempel aufdrücken will, dort die auf
Fundamental-Opposition eingestellten bürgerlichen Parteien, die
Rot-Grün so schnell wie möglich Grenzen aufzeigen wollen. Natürlich
wittern CDU und FDP in NRW Morgenluft. Hamburg hat gezeigt, wie
leicht sich eine robuste Mehrheit jener organisieren lässt, denen der
Schutz der Gymnasien am Herzen liegt. Mit dem Thema Schulpolitik
könnte man die zuletzt arg enttäuschte Anhängerschaft wieder
mobilisieren. Schon spielen die Fraktionschefs von Schwarz und Gelb
laut mit dem Gedanken, dass es einen Volksentscheid auch an Rhein und
Ruhr geben könnte. Allerdings sollten speziell die Christdemokraten
aufpassen, hier nicht in eine Glaubwürdigkeitsfalle zu tappen.
Immerhin waren es die eigenen Parteifreunde, die in Hamburg an der
Seite der Grünen mit einem Primarschulen-Modell verloren haben, das
deutlich radikaler anmutet als das Vorhaben von Roten und Grünen in
NRW. Letztere wollen Eltern, Schüler und Lehrer erklärtermaßen
mitnehmen und nicht, wie es in Hamburg geplant war, mit der
Gemeinschaftsschule „zwangsbeglücken“. Vielmehr ist zunächst eine
schrittweise Reform geplant, die auf deutlich weniger Widerstand
stoßen dürfte. Ob das für einen Volksentscheid reicht? Wären wir bei
„Wünsch Dir was“, dann müssten alle Parteien ihre Machtspielchen
jetzt einstellen, sich zusammensetzen und vernünftig miteinander
reden. Vielleicht käme man gemeinsam zu der Erkenntnis, dass die
Pisa-Studien geradezu danach schreien, die Lernbedingungen zu
verbessern. Vielleicht würde der eine oder andere aber auch
einräumen, dass längeres gemeinsames Lernen per se noch keine
Bildungsgerechtigkeit schafft. Ein Blick nach Holland und Belgien
zeigt, dass es dort zwar eine sechsjährige Grundschule gibt, die
Defizite in Sachen Chancengleichheit jedoch noch größer sind als in
Deutschland. Die Ergebnisse der Bildungsforschung sind in der Regel
eben erhellender als Formulierungen in Parteiprogrammen. Vielleicht
wäre aber auch eine neue bildungspolitische Bescheidenheit
angebracht. Dass sich jede neue Landesregierung regelmäßig mit
Übereifer auf das jeweilige Schulsystem stürzt, hat ja schlicht auch
etwas damit zu tun, dass unser Föderalismus Landesregierungen nur
wenig andere Gestaltungsspielräume lässt. Hier kann sich jeder frisch
gewählte Landesfürst austoben, ohne Rücksicht auf Verluste. Dabei
wären kleine Veränderungen die größte Hilfe: Mehr Lehrer würden für
überschaubarere Klassen sorgen, eine gezielte Sprachförderung würde
Migrantenkindern helfen. Ginge es wirklich nach dem Volk, lägen die
Lösungen – pragmatisch, praktisch, gut – auf der Hand.

Pressekontakt:
General-Anzeiger
Alexander Marinos
Telefon: 0228 / 66 88 612
a.marinos@ga-bonn.de