
Stuttgart, 28. Oktober 2017 // fim – die Vereinigung für Frauen im Management e.V. lud am 26. Oktober 2017 anlässlich des 30-jährigen Jubiläums des Vereins zu einer hochkarätig besetzten Paneldiskussion in die Börse Stuttgart. Der Verein ist ein bundesweites, branchenübergreifendes Netzwerk für Frauen in Führungsverantwortung. Geladen waren sieben erfolgreiche Frauen aus Politik und Wirtschaft, die aktuell einen Sitz in den Aufsichtsräten deutscher Banken, Versicherungen und Wirtschaftsunternehmen innehalten. Knapp 100 Besucherinnen verfolgten die spannende Diskussion rund um die Themen Quote, Macht und Karriere.
Über Zahlen, Fakten und die Quote
Den Auftakt der Veranstaltung machten die Grußworte der Regionalleiterinnen fim e.V. Stuttgart Claudia Tuchscherer und Frau Brigitte Hapka. Die Vereinigung in Stuttgart ist erst vier Jahre jung und eine von insgesamt neun in ganz Deutschland. Auch der Bundesvorstand des Vereins war mit den beiden Vorsitzenden Birgit Koerting und Christine Backhaus angereist.
Es folgte ein informatives Intro von Frau Dr. Birgit Buschmann, der Leiterin des Referates Wirtschaft und Gleichstellung im Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg. Frau Dr. Buschmann überbrachte nicht nur den Gruß der Ministerin Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut sondern steuerte auch die aktuellen Zahlen bei: Erfolgreich im Management etabliert haben sich Frauen vor allem in kleineren Unternehmen mit flachen Hierarchien. Hier sind sie mit 40 Prozent in der zweiten und 27 Prozent in der ersten Führungsebene vertreten. Ein anderes Bild zeichnet sich dagegen in den Vorständen der Konzerne und Großunternehmen ab – hierlautet die Prozentzahl noch häufig Null.
Und Trotzdem – die Quote wirkt. 30 Prozent Frauen im Aufsichtsrat der börsennotierten Unternehmen sind seit 2016 gesetzlich verpflichtend. Mit einem heutigen Anteil von 27,8 Prozent in den 105 börsennotierten Unternehmen hat das Gesetzt Wirkung gezeigt. In Baden-Württemberg sitzen insgesamt 64 Frauen in den Aufsichtsräten und repräsentieren damit 27,5 Prozent. Ziel der gesetzlichen Regelung ist es, Gerechtigkeit, Chancengleichheit und einen Kulturwandel zu schaffen. Denn so beeindruckend und positiv die Zahlen auch scheinen, Fakt ist, dort wo es keine gesetzliche Regelung gibt, z.B. in den Vorständen sind nur 7,3 Prozent der Stellen weiblich besetzt. 104 Unternehmen hatten sich für die Vorstandsebene eine Zielgröße von “0” Prozent selbst verordnet.
Diese Situation schadet, so Frau Dr. Buschmann, unserer Gesellschaft und Wirtschaft. Denn entscheidend für Innovation ist die andere Sichtweise, das Querdenken. Diversifikation führt zu einem kulturellen Wandel und einer verbesserten Kommunikation. Doch dazu ist eine kritische Masse von Frauen in einflussreichen Positionen notwendig.
Aufsichtsrätinnen verraten die Schlüsselkompetenzen
Hochkarätig besetzt war das Podium und Ariane Bertz, selbstständige Eventmoderatorin, führte charmant und auf den Punkt durch den Abend. Die sieben Frauen überzeugten durch ihre Kompetenz und mit ihrem Charisma. Inhalt war die zentrale Frage, wie kamen die Frauen in ihre Position und wie halten sie sich dort. Auf die Einstiegs-Frage, welche Schlüsselfaktoren denn für eine Aufsichtsratsposition notwendig seien, sind unter anderem die Stichworte Bekanntheit, Courage, Kompetenz und Strategie gefallen.
Daneben ist das Netzwerk ausschlaggebend. Und hier zählt nicht nur das berufliche Umfeld dazu, sondern auch Freunde und Familie. Und Männer spielen hier eine entscheidende Rolle. Solange Frauen unterrepräsentiert sind, sind Männer in ihren Rollen als Mentoren und Unterstützer ein Muss. Das bedeutet zum einen, Männer als berufliche Förderer, zum anderen im privaten Umfeld: Partner, die auch in der Familie ihre Position einnehmen und gleichberechtigt Verantwortung mittragen.
Den Zuhörerinnen wurde mit auf den Weg gegeben, mutig zu sein, sich auszuprobieren und auch ganz selbstbewusst den Anspruch auf Macht zu erheben. Neben den Ratschlägen, hatten die Aufsichtsrätinnen viel Positives zu berichten. Einigkeit bestand darin, dass der „Haken dran ist“, man akzeptiert wird, wenn man als Frau gewonnen hat. Und es gibt sie, die Erfolge. Bettina Kies-Hartmann erzählte von ihrem ersten Aufsichtsratsmandat bei der LBBW. Damals war sie die einzige Frau – heute sind sie zu siebt.
Quote – ein notwendiges Übel?
Beim Thema Quote wurde schnell klar, sie ist auch unter den Frauen umstritten. Absolventinnen sind überzeugt, es aus eigenen Kräften zu schaffen, die Frauen, die bereits an der Spitze angekommenen haben bewiesen, dass es auch ohne Quote geht. Doch die breite Masse der berufstätigen, studierten Frauen, die manchmal das Gefühl haben auf ihrem Karriereweg im Lehm festzustecken, sprechen sich mit einem klaren Ja zur Quote aus. Denn die Fakten sprechen für die Quote, auf dem Podium wurde sie mit eine Art Anschubfinanzierung verglichen. Die Zahlen und die Situation belegen: Ohne die Quote bewegt sich nichts. Denn ohne Druck und klare Zielvereinbarungen wird kaum ein Wandel stattfinden.
Als positives Beispiel wurde Daimler genannt. Das Unternehmen erfüllt nicht nur die gesetzliche Regelung für den Aufsichtsrat, sondern hat auch auf der Vorstandsebene und in der ersten und zweiten Managementebene bis 2020 klare Zielgrößen festgesetzt. Im Vorstand sollen die heutigen 12,5 Prozent lediglich gehalten werden. Für die erste und zweite Führungsebene gilt es von heute 8,1 und 12,4 Prozent auf 15 Prozent in beiden Ebenen zu kommen. Damit spiegeln die Zahlen den Frauenanteil im gesamten Unternehmen. Die 50.000 Mitarbeiterinnen stellen 17,7 Prozent der Belegschaft des Unternehmens weltweit dar.
Mut zu Kindern und Karriere
Dass sich die Position als Aufsichtsrat und Familie nicht ausschließen zeigt Prof. Dr. -Ing. Corinna Salander, Professorin für Schienenfahrzeugtechnik an der Universität Stuttgart und im Aufsichtsrat bei Bombardier Deutschland GmbH. Sie erfüllt neben ihrer beruflichen Karriere auch die Rolle der alleinerziehenden Mutter mit drei Kindern. Solche Beispiele ermutigen auch junge Frauen zu einer Karriere ohne Kompromisse. Darüber hinaus ist Professor Salander auch im Studiengang Maschinenbau als Frau eine Besonderheit und sie sieht die Wahl eines MINT-Studiengangs als einen Erfolgsfaktor für weibliche Karrieren. Umso mehr freut sie sich über die steigende Zahl weiblicher Studenten.
Die optische Täuschung als Kompliment
Essimari Kairisto, Unternehmensberaterin und im Aufsichtsrat von Freudenberg berichtete vom anerkennend ausgesprochenen Kompliment ihrer männlichen Aufsichtsratskollegen. Ihre Kompetenz und ihr Standing honorierend wurde sie als „optische Täuschung“ deklariert, denn sie „ticke ja“ wie ihre männlichen Kollegen. Und natürlich gibt es sie, diese Überschneidungen der Skills bei Männer und Frauen, wenn es um Wissen und Fachkompetenz geht.
Essimari Kairisto, die aus Norwegen kommt, spricht von der Situation in ihrem Heimatland. Hier gibt es seit langen eine Quote. Mit 41 Prozent Frauenanteil in Aufsichtsräten und Verwaltungsräten wird Norwegen nur noch durch Island mit 44 Prozent geschlagen. Und doch gibt es in den 60 größten norwegischen Unternehmen nicht eine Frau als CEO. Ganz anders in Schweden, wo es keine Quote gibt dafür die Männer in der Gesellschaft und der Familie gleichberechtigt Verantwortung übernehmen. Hier sind auch ohne Quote 36 Prozent Frauen in den Aufsichtsräten. Entscheidend sei also vor allem der kulturelle und gesellschaftliche Wandel.
Informationen zu weiteren Veranstaltungen der Frauen im Management und der Regionalgruppe Stuttgart finden Sie unter: www.fim.de
Auf dem Podium:
Essimari Kairisto, Unternehmensberaterin und im Aufsichtsrat von Freudenberg
Bettina Kies-Hartmann, Senior Referentin der IT der Landesbank Baden-Württemberg um im Aufsichtsrat bei der BVV Berlin und im Aufsichtsrat der LBBW
Sibylle Laurischk, Rechtsanwältin und Mitglied im Deutschen Juristenbund, ehemaliges Mitglied des deutschen Bundestages
Christine Regitz, VP User Experience bei SAP und Mitglied zahlreicher SAP Aufsichtsratsausschüsse
Prof. Dr. -Ing. Corinna Salander, Professorin für Schienenfahrzeugtechnik an der Uni Stuttgart und im Aufsichtsrat bei Bombardier Deutschland GmbH
Stefanie Schneider, Landesmediendirektorin und stellvertretende Intendantin des SWR, im Aufsichtsrat der MFG Medien und Filmgesellschaft Baden-Württemberg