Die Palette möglicher Nanoanwendungen reicht von leistungsfähigeren Computern über selbstreinigende Oberflächen, neue Formen regenerativer Energieerzeugung bis hin zu neuen Verfahren und Instrumenten in der Landwirtschaft, der Lebensmittelproduktion und der Medizin. Gleichzeitig werfen diese aber auch neue philosophische und ethische Fragen auf. Dies gilt insbesondere für jene Anwendungsbereiche, in denen nanobasierte Interventionen direkt in den Körper des Menschen eingreifen bzw. nanoskalige Strukturen gezielt in den menschlichen Körper eingebracht werden und so möglicherweise Gesundheitsrisiken für Patienten mit sich bringen. „Tatsächlich resultieren die möglichen Risiken der Anwendung der Nanotechnologie zu einem nicht geringen Teil aus jenen Eigenschaften von Nanoprodukten, die ihren Einsatz, etwa in der Medizin, so interessant machen“, erklärt Ach von der Uni Münster. Er ist der Meinung, die mit der Anwendung nanotechnologischer Verfahren assoziierten Risiken erfordern nicht nur Risikoforschung und Technikfolgenabschätzung, sondern möglicherweise auch neue Strategien zum Umgang mit entsprechenden Risiken.
Was ist noch „Science“ und was ist „Fiction“?
In der klassischen Technikfolgenabschätzung wird üblicherweise die Frage gestellt, ob die Probleme, die neue Technologien mit sich bringen, nicht womöglich größer sind als die, deren Lösung sie beanspruchen. Dies gilt natürlich auch im Bereich der Nanobiotechnologie. Die Entwicklung dieser Technologie wird allerdings ganz wesentlich auch durch weitreichende Erwartungen und Visionen vorangetrieben, die ihrerseits die künftige Entwicklung dieser Technologien mitprägen werden. Daher sind neue methodische Ansätze erforderlich. Die „klassische“ Technikfolgenabschätzung muss durch eine Abschätzung von Visionen ergänzt werden.
Für Beobachterinnen und Beobachter der Entwicklung ist es außerordentlich schwierig, realistische von eher unrealistischen Projekten und Ideen zu unterscheiden. Ein erstes Problem der Ethik für diese Bereiche besteht daher, Science von Fiction zu unterscheiden. Wo endet die Wissenschaft? Wo beginnt die Vision? Selbst Wissenschaftler sind sich in diesem Punkt nicht einig. Die Erwartungen und Prognosen gehen teilweise erheblich auseinander.
Ein zweites, mit dem ersten zusammenhängendes, Problem für die Ethik sieht Ach darin, dass die Nanobiotechnologie noch verhältnismäßig jung ist und daher Erfahrungen fehlen. Daher sei man in vielen Bereichen noch weitgehend auf Vorhersagen und Spekulationen angewiesen, was die Entwicklung dieser Technologie und zukünftige Anwendungsmöglichkeiten betreffe. Dies bedeute, dass vielfach konkrete Projekte oder Anwendungen fehlten, auf die sich die ethische Analyse beziehen könnte. Diese müsste daher notwendigerweise ihrerseits mehr oder weniger allgemein und vage bleiben.
„Die meisten der ethischen und sozialen Herausforderungen der Nanobiotechnologie, die in der Literatur diskutiert werden, sind aus anderen Diskussionen, vor allem der Diskussion über die Gentechnologie, bereits gut bekannt“, so der Experte in seinem Vortrag. In Teilen der wissenschaftlichen Öffentlichkeit werde zum Beispiel der Bedarf an einer ethischen Reflexion der Nanobiotechnologie und der Nano-Medizin damit begründet, dass die Fehler, die im Zusammenhang der Diskussionen über die Kernenergie, vor allem aber über die Gentechnologie gemacht worden seien, sich nicht wiederholen sollten. Achs Problem dabei: „Ethische Reflexion wurde teilweise auf ein Instrument zur Herstellung von gesellschaftlicher Akzeptanz für bestimmte Technologien oder Handlungsoptionen reduziert. Ein solches Verständnis von Ethik wird allerdings nicht nur dem Selbstverständnis der Ethik als wissenschaftlicher Disziplin nicht gerecht; es ist darüber hinaus auch kurzsichtig. Unterstellt es doch, dass die mit der Nanobiotechnologie verbundenen Probleme im Wesentlichen Kommunikationsprobleme seien bzw. für diese Techniken gesellschaftliche Akzeptanz geschaffen werden könne, indem die Öffentlichkeit in der „richtigen“ Weise informiert wird“.
Tatsächlich jedoch – das scheint die Lehre zu sein, die man aus den Diskussionen über die Gentechnik ziehen kann – ist, gerade wer um Akzeptanz für eine bestimmte Technologie werben will, auf Vertrauen angewiesen. Dieses aber, so Ach, lasse sich nur gewinnen, wenn man sich auf eine offene und möglichst vorurteilslose und ergebnisoffene Diskussion einlasse.