Erwacht aus dem

Erwacht aus dem

Sonnenstrahlen durchbrechen die Gipfel eines engen Baumbestandes. Trotz Ausholzung im Jahre 2007 erscheint der Wildwuchs von Gewächsen mächtig, verdeckt fast die Sicht in die Tiefe des ehemaligen Hauptgefechtsstandes der Volksmarine der DDR. Unterkunfts- und andere Dienstgebäude sind kaum zu erkennen.
Wir bahnen uns den Weg über eine enge Betonpiste hinein in die Enge des Waldes. Das dumpfe Geräusch eines starken Radladers dringt an unsere Ohren, verheißt Orientierung, weist uns das Ziel, den Eingang zum Bunker Tessin. Noch vor wenigen Tagen wäre man daran vorbeigefahren, weil zugewachsen, überdeckt von Gebüsch. Nichts, aber auch gar nichts hat hier an einen Bunkereingang erinnert.
Jetzt stehen wir vor dem Eingang, blicken in ein verhältnismäßig kleines Loch am Ende einer tief unten gelegenen Treppe mit Aufzugseinrichtung für schwere Technik. Schwer vorstellbar, über dieses Loch, fast auf allen Vieren, den Bunker zu betreten.
Eine Laufkatze mit Geröll bewegt sich nach oben. Man könnte meinen von selbst. In angemessener Entfernung krächst der Radlader, verrichtet seine Arbeit. Fast unsichtbar kämpft er mit einem Stahlseil, geführt über eine Umlenkrolle, am Haken die sich aufwärts bewegende Laufkatze. Sie ist gefüllt mit Abbruchmaterial der Betonplombe, die den Bunker seit nunmehr 18 Jahren verschlossen hat. Fast 2,5 m dick, eisenhart, Beton bester Güte, zum Zähne ausbeißen. Einige Kubikmeter davon sind bereits beiseite geräumt.

Claus Funke mit seinem Team hat die Betonplombe „angefressen“, hat sie geknackt. Noch aber werden einige Tage vergehen bis man den Eingang aufrecht betreten kann. Eine enorme Arbeitsleistung liegt hinter dem Team. Abseits vom Bunkereingang tuckert ein Dieselgeneratoraggregat, liefert den Strom für Arbeitsgeräte und den Bunker. Belüftung und Desinfektion im Innern des Bunkers laufen auf Hochtouren.
Wir gehören mit zu den ersten Gästen, die den Bunker betreten. Aus der Theorie ist er uns bekannt. Umfassend kennen wir seine Funktion und Aufgabe im Rahmen der Volksmarine der DDR. Nur ganz wenige wussten um seine Existenz. War auch nicht erforderlich, die Volksmarine erfüllte ihren Kampfauftrag zur Sicherung der Seegrenzen ohnehin überwiegend von den Täglichen Gefechtsständen (TGS). Und die befanden sich überwiegend in den Objekten der ständigen Gefechtsbereitschaft. Für einen möglichen Krieg war er als Hauptgefechtsstand der Volksmarine in ständiger Bereitschaft gehalten, legendiert als Relaisstation 18 (RS-18), Hauptgefechtsstand 18 (HGS- 18) oder als Hilfsnachrichtenzentrale 34 (HNZ-34).
Jetzt stehen wir mitten drin. Der jahrelange Verschluss ist spürbar beim Atmen, sichtbar an Decken und Wänden, die noch nicht bearbeitet sind. Eine allgemeine Aufgeräumtheit in den Gängen und ehemaligen Arbeits- und Diensträumen ist nicht zu übersehen. Wir sind beeindruckt, können es kaum fassen, die Transportbehälter für schriftliche Informationen, auch „Ratten“ genannt, sausen durch die Linien der Rohrpostzentrale. Ehe man sich versieht sind sie im Sog der Kompressoren an der Aufgabestelle verschwunden, fallen nach wenigen Sekunden an der vorgegebenen Adresse in den Auffangbehälter. Und das 18 Jahre nach Stillstand. Auch andere technische Einrichtungen sind in einem guten Zustand, rufen Bewunderung hervor. Die Notstromanlage mit ihren vier Dieselaggregaten hinterlässt den Eindruck, als wäre sie gestern erst stillgelegt worden. Im Dienstraum des Bauwerks- Dispatchers begrüßt uns ein bunter Strauß Blumen, „frisch“ und farbecht, Kunstblumen. Im Speisesaal erinnert uns eine Flasche „Famulus“- Goldbrand an alte Zeiten.
Alle technischen und allgemeinen Räume des Bunkers können entsprechend ihrer Funktion zugeordnet werden, befinden sich in einem guten Zustand. Kaum vorstellbar im Wissen um die baulichen Probleme der 70er Jahre. Wassereinbrüche führten zu mehreren Rekonstruktionen, die letzte größere im Zeitraum 1983/1986.
Wir verlassen den Bunker auf allen Vieren durch die kleine Öffnung. Die Zeit ist wie im Fluge vergangen, fast zwei Stunden bewegten wir uns durch den Bunker. Die Brillengläser reagieren zuerst, nebelartig Schicht verhindern sie die Sicht. Es bedarf einiger Zeit, sie zu trocknen.
Wir atmen durch, verneigen uns vor dem Öffnungs- Team um Claus Funke. Allen gehört ein großes Dankeschön. Mit der Öffnung des Bunkers blicken viele Interessierte nach Tessin, erwartungs- und spannungsvoll fiebern sie den geführten Besichtigungen entgegen. Für die weitere Aufarbeitung der Militärgeschichte der Volksmarine ist die Öffnung ein Glücksgriff. Viele neue Erkenntnisse mögen gewonnen werden.

Ein kleiner Videoclip vermittelt die Eindrücke der Besichtigung
http://www.youtube.com/watch?v=MjR7vUabfuY