
Prof. Alexander Doderer: Herr Dr. Christ, Sie haben sich in Ihrer Dissertation mit dem Thema der Dinglichkeit unter literaturwissenschaftlichen Aspekten befasst. Wir leben in einer voll digitalisierten Welt. Mal eine bewusst provokante Frage: Welchen Stellenwert nehmen da heute noch die Dinge ein?
Valentin Christ: Zugegeben: Virtuelles Erleben ist aus unserer Alltagswirklichkeit nicht mehr weg zu denken. Aber nichts desto weniger gehen angesichts der Virtualisierung und der damit einhergehenden Entfremdung des Menschen gesamtgesellschaftlich die Trends in die entgegengesetzte Richtung. Ich nenne nur ein paar Stichworte wie Urban Gardening, Guerilla-Stricken, die „Zurück-zur-Natur-Bewegung“… Oder denken Sie an die documenta im vergangenen Jahr. Sie stand voll unter dem Aspekt der Begegnung mit den Dingen.
Prof. Alexander Doderer: Ja, genau! Aber wie erklären Sie sich dieses Paradox?
Valentin Christ: Eigentlich rein menschlich. Die Taktung, in der wir täglich funktionieren müssen, hat eine erhöhte Schlagzahl. Wir wissen, dass dieses Tempo eher noch steigt. Also sucht der Mensch sich Nischen…
Prof. Alexander Doderer: Stichwort: Cocooning…
Valentin Christ: Jein. Das Wort ist meist negativ konnotiert. Dabei ist Rückzug nicht gleich eine Flucht. Für mich bedeutet es eher eine Besinnung auf Werte, auf persönlich-unmittelbaren Kontakt und vor allem Entschleunigung. Wir sind nicht 24 Stunden funktionierende Maschinen im virtuellen Raum. Der Mensch hat eine naturgemäße Sehnsucht nach Orientierung und realer Verortung.
Prof. Alexander Doderer: In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an einen SPIEGEL-Artikel von Elke Schmitter, der den treffenden Titel trug: “Dateien kann man nicht lieben.“
Valentin Christ: So ist es! Und deshalb ist eine Vinyl-Schallplatte eben auch etwas ganz anderes als ein MP3. Der Mensch braucht die Begegnung mit den Dingen. In Ihnen ist etwas verwahrt, was uns ganz unbewusst anspricht, was Erinnerungen, Emotionen auslöst.
Prof. Alexander Doderer: Womit wir beim Stichwort unseres Gesprächs wären: Emotion! Bei GRUPPE DREI beschäftigen wir uns ja schon seit einigen Jahren mit dem Thema Hirnforschung. Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzers Forschungsergebnisse sind für unsere Branche wegweisend. Gerade haben wir das Eye-Tracking in unserer Agentur eingeführt…
Valentin Christ: Ja, und ich verspreche mir wirklich aussagekräftige Ergebnisse davon. Denn die optische Wahrnehmung folgt ja einer Hierarchie, die evolutionär geprägt ist. Dies messbar zu machen, bedeutet für uns als Marketing- und Konzeptagentur ein enormes Potenzial.
Prof. Alexander Doderer: Das sehe ich genauso. Wir können unseren Kunden gleichsam maßgeschneiderte Strategien liefern. Und sind uns bewusst, dass das Eye-Tracking ja nur ein sensueller Parameter ist.
Valentin Christ: Klar. Der homo oeconomicus ist ja letztlich ein utopisches Bild des Menschen. Das wissen wir seit den sensationellen Forschungen von Antonio Damasio. Ähnlich utopisch ist das, was wir als rationales Abwägen bezeichnen: Denn jede Entscheidung wird letztlich emotional gefällt. Also bevor unser Cortex anfängt zu arbeiten.
Prof. Alexander Doderer: So ist es. Und genau diese Erkenntnis müssen wir als Strategen und Marketer nutzen. Multisensorik und Synästhesie werden von uns generell in die Planung einbezogen. Seit einiger Zeit arbeiten wir deswegen mit dem Olfaktorik-Unternehmer zusammen: Beat Grossenbacher von Air Creative. Er sagt, dass ein Raum dann am besten aromatisiert ist, wenn wir den Duft gar nicht bewusst wahrnehmen.
Valentin Christ: Das ist in der Tat spannend! Gerade wenn man eine neue Marken-Kampagne entwickelt. Da reicht es schon längst nicht mehr aus, einen guten Slogan zu kreieren. Für uns bedeutet Markenkommunikation: klare Botschaften vermitteln unter ganz besonderer Beachtung der Erkenntnisse aus der Hirnforschung. Wir fragen uns: Wie riecht, wie schmeckt eine Marke. Wie fühlt sie sich an, wie wird sie visuell wahrgenommen, wie klingt sie? Wie schaffen wir eine optimale Konsumatmosphäre?
Prof. Alexander Doderer: Ja, denn nur so können wir die Wahrnehmung von Marke und Produkt – hier schließe ich übrigens auch Standorte mit ein – optimieren.
Valentin Christ: Da sprechen Sie ein heikles Thema an. Denn oftmals begreifen sich Städte und Gemeinden gar nicht als Marke, obwohl sie es ja ganz automatisch sind. Entsprechend wenig Relevanz hat dann auch das, was wir als markenpflege bezeichnen. Dabei ist es in Zeiten zunehmender Landflucht enorm wichtig für einen Standort, ein gutes Image zu haben, sich aktiv als Marke zu positionieren und eben eine ästhetische Atmosphäre zu vermitteln.
Prof. Alexander Doderer: Oh ja. Wir leisten da schon seit geraumer Zeit Überzeugungsarbeit. Mit Erfolg! Denn Atmosphäre wird zwar auch unbewusst wahrgenommen, aber ein Standort kann dafür enorm viel tun! Denn der Mensch entscheidet ja in Millisekunden und völlig emotionsgesteuert: „hier fühle ich mich wohl“ oder eben: „hier muss ich gleich wieder weg!“
Valentin Christ: Eben. Und bei der Beratung von Standorten ist es ja unser zentrales Anliegen, nicht nur die Abwanderung zu stoppen, sondern die Zuwanderung und damit die Aufenthaltsqualität zu fördern!
Prof. Alexander Doderer: Da ziehen wir alle an einem Strang! Dr. Christ – ich freue mich schon auf unseren nächsten Dialog!
Valentin Christ: Vielen Dank, ganz meinerseits.
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