Ein Lehrstück an Verbrauchertäuschung: Wie Dosenhersteller Bierbüchsen ökologisch schön rechnen lassen

Pressemitteilung

Der Marktanteil der Getränkedose verweilt seit dem Dosenpfand im
Promillebereich der Getränkeverpackungen – mit einer besonders
dreisten Kampagne versucht die Einweg-Getränkelobby ein Comeback der
Bierdose im Öko-Outfit – Industrie lässt Mehrwegsystem mit
nachweislich falschen Annahmen zu Umlaufquoten und
Transportentfernungen schlecht rechnen – Deutsche Umwelthilfe (DUH)
und Stiftung Initiative Mehrweg (SIM) analysieren die zugrunde
liegende Ökobilanz-Studie und die Tricks der Dosenlobby bei der
Reinwaschung ihres Produkts

Die laufende Werbekampagne der Einweglobby für ein angebliches
Comeback der Bierdose in Deutschland führt Verbraucherinnen und
Verbraucher systematisch in die Irre und interpretiert Ergebnisse
einer von ihr selbst veranlassten Vergleichsstudie mit
Bier-Mehrwegsystemen in tendenziöser Weise um. Nebenbei wird auch das
Instrument der Ökobilanz, welches sich bei der Umweltbewertung
unterschiedlicher Verpackungssysteme in der vergangenen Dekade als
hilfreich erwiesen hat diskreditiert. Das ist das Kernergebnis einer
heute veröffentlichten Stellungnahme der Deutschen Umwelthilfe e. V.
(DUH) und der Stiftung Initiative Mehrweg (SIM). Dabei analysieren
die beiden Organisationen einerseits die von den großen
Dosenherstellern beim Heidelberger IFEU-Institut in Auftrag gegebene
„Ökobilanzielle Untersuchung verschiedener Verpackungssysteme für
Bier“ (http://www.forum-getraenkedose.de/studien.html). Andererseits
nehmen sie die öffentliche Kommunikation der Analyseergebnisse durch
die Auftraggeber aus der Dosenlobby unter die Lupe.

„Selten wurde eine Ökobilanz so einseitig und mit derart
durchgehend offensichtlicher Absicht beauftragt, die eigenen Kunden
über die Nachteiligkeit von Getränkedosen als die in Wirklichkeit
ökologisch nachteiligste Getränkeverpackung zu täuschen. Mit der
Vorgabe der Auftraggeber an das IFEU-Institut, Mehrwegsysteme mit
realitätsfernen 1,5 bzw. 10 Wiederbefüllungen bei gleichzeitig 400 km
Transportentfernung zu rechnen, dachte die Dosenlobby sich eine
ökobilanzielle Heiligsprechung der Blechbüchse erschleichen zu
können. Besonders dreist ist der Umgang mit den Ergebnissen dieser
IFEU-Industriestudie: In eigenen so genannten Informationsbroschüren
wurden die Ergebnisse der Studie nochmals verfälscht. Wenn
Ökobilanzen den Bezug zur Realität außer Acht lassen, werden sie für
eine politische Bewertung irrelevant.“ erklärte
DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch.

Um mit den ökologisch und unter dem Aspekt des Klimaschutzes
vorteilhaften Mehrwegsystemen wenigstens scheinbar auf Augenhöhe zu
kommen, haben die in einem eigenen Verband zusammengeschlossenen
europäischen Getränke-Dosenhersteller (Beverage Can Makers Europe,
BCME) ihren Auftrag an das IFEU-Institut mit Vorgaben flankiert, die
alle wesentlichen „Stellschrauben“ für die Ökobilanz bis zum Anschlag
Richtung „Vorteil Dose“ drehen:

– So wurde die Zahl der Wiederbefüllungen von Mehrweg-Bierflaschen
in den Abfüllanlagen der Brauereien – die so genannten
Umlaufzahlen – viel zu niedrig angesetzt, um so die ökologischen
Vorteile des Mehrweg-Kreislaufs zu schmälern. Neben der Umlaufzahl
25 wurden auf ausdrücklichem Wunsch der Auftraggeber auch
Szenarien mit einem, fünf bzw. zehn Umläufen für Mehrwegflaschen
gerechnet. Tatsächlich liegt die durchschnittliche Umlaufzahl von
Bier-Mehrwegflaschen bei deutlich über 25 Umläufen. Selbst das
IFEU-Institut betonte, dass insbesondere die Umlaufzahl von 1 […]
allenfalls von erkenntnistheoretischer Bedeutung sein [dürfte]“.

– Die durchschnittlichen Entfernungen, die Bier in Flaschen bei der
regionalen oder überregionalen Verteilung zurücklegt, ehe es beim
Verbraucher ankommt, wurden mit 100 km für regionale und 400 km
für nationale Marken fast doppelt so hoch angenommen wie diese in
Wirklichkeit sind. Im Gegenzug wurde für Einwegbier ohne
Begründung eine ungewöhnlich niedrige Transportentfernung
angenommen.

– Für Mehrwegglasflaschen wurde eine mit 88 Prozent unrealistisch
niedrige Rücklaufquote angenommen, die nachweislich falsch ist.
Nach regelmäßigen Erhebungen deutscher Brauereien beträgt die
Rücklaufquote 98,5 – 99% und korrespondiert auch so mit den
tatsächlichen Wiederbefüllungsquoten.

– Bei der Anrechnung von Gutschriften für die Wiederverwendung von
Verpackungsmaterial wurde eine Methode gewählt, die einseitig den
Dosenherstellern zugute kommt und nicht die in der Wissenschaft
etablierte Methode, der es darauf ankommt, möglichst viel Material
im Sinne der Kreislaufwirtschaft wieder für die Fertigung von
Getränkeverpackungen einzusetzen.

Weil trotz der Fülle unrealistischer Vorgaben, die Ergebnisse in
den realitätsnäheren Szenarien weiter ökologische Vorteile für die
Mehrwegsysteme ergaben, bürsteten die Dosenhersteller die Ergebnisse
nachträglich in Imagebroschüren („Die Getränkedose ist grün“) und
Pressemitteilungen („Mit gutem Gewissen zugreifen: Die Getränkedose
schont Klima und Umwelt“) noch einmal zurecht. Unerwünschte
Teilergebnisse der eigenen IFEU-Industriestudie werden einfach
ausgeblendet (zum Beispiel die Ergebnisse für vergleichsweise hohe
Umlaufzahlen für Bier-Mehrweg¬systeme in den veröffentlichten
Grafiken) oder solange uminterpretiert bis die Getränkedose plötzlich
„auf Augenhöhe mit Mehrweg“ gelangte.

„Jeder Auftraggeber einer Ökobilanz hofft natürlich, dass die von
ihm beauftragten Untersuchungen im Ergebnis wunschgemäß ausfallen.
Und mancher sorgt auch dafür, dass die Eingangsdaten und Vorgaben an
die Gutachter in die erwünschte Richtung wirken. Aber was wir hier
erleben, kommt einer intellektuellen Zumutung für alle Menschen
gleich, die sich professionell mit Ökobilanzen befassen“, erklärte
der SIM-Vorsitzende Clemens Stroetmann. Dies beweise auch die
Reaktion des mit der Untersuchung beauftragten IFEU-Instituts, das
die Untersuchung „nur unter vernehmbarem Zähneknirschen“ mit den vom
Auftraggeber erwünschten Annahmen durchgeführt habe, sagte der
frühere Staatssekretär im Bundesumweltministerium.

Stroetmann bezog sich auf Hinweise des IFEU auf Vorgaben seiner
Auftraggeber in der Studie selbst und in einer 35-seitigen
„Handreichung“, in der die offenbar um ihr Renommee besorgten
Heidelberger Wissenschaftler offensichtlichen Fehlinterpretationen
ihrer Untersuchung auch aus Kreisen der Dosenlobby entgegentreten
(www.ifeu.de).

DUH und SIM bewerten die Untersuchung und mehr noch ihre
Interpretation durch die Dosenlobby als „in hohem Maße irreführend,
unseriös und unglaubwürdig“. Wer mit seinen Trinkgewohnheiten auch
einen Beitrag zum Klima- und der Umweltschutz leisten wolle, müsse
und dürfe gerade beim Bier weiter auf die traditionelle
Mehrwegbierflasche zurückgreifen. Alles andere sei
„Bierbüchsen-Voodoo“, mit dem von interessierter Seite zum
wiederholten Mal versucht werde, das deutsche Mehrwegsystem zu
überwinden.

Discounter und Dosenlobbyisten erhoffen sich durch die
vermeintliche „ökologische Heiligsprechung“ und gleichzeitige
Wiedereinlistung der Getränkedose hohe Gewinne. Vor der Einführung
des Pflichtpfandes war Deutschland einer der wichtigsten Märkte
Europas. Acht Milliarden Dosen wurden hier jährlich verkauft. Heute
sind es gerade noch 700 Millionen. Die Discounter versuchen durch die
Wiedereinführung der Getränkedose verlorene Marktanteile vom
Getränkefachhandel zurückzugewinnen. Zusätzlich berichten
Brancheninsider über massive Subventionen mit welchen dem Handel die
Einlistung der Dosen ins Sortiment schmackhaft gemacht werden soll.
Ein klares Dementi der Dosenlobby blieb bislang aus.

Die gemeinsame Stellungnahme der DUH und SIM zur BCME Ökobilanz
„Ökobilanzielle Untersuchung verschiedener Verpackungssysteme für
Bier“ steht im Internet unter
http://www.duh.de/pressemitteilung.html?&tx_ttnews[tt_news]=2356 und
www.stiftung-mehrweg.de zum Download bereit.

Pressekontakt:
Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer DUH, Hackescher Markt 4, 10178
Berlin; Mobil: 0171 3649170, resch@duh.de

Clemens Stroetmann, Staatssekretär a.D., Geschäftsführer Stiftung
Initiative Mehrweg, Eichenweg 11, 14557 Wilhelmshorst, Tel.: 033205
24037, E-Mail: info@choch4.de

Thomas Fischer, Projektmanager Kreislaufwirtschaft, Deutsche
Umwelthilfe e.V., Hackescher Markt 4, 10178 Berlin, Tel.: 030
2400867-43, Mobil: 0160 5337376, E-Mail: fischer@duh.de

Eva Leonhardt, stellv. Geschäftsführerin Stiftung Initiative Mehrweg,
Tel.: 030 62721108; Mobil: 0160 94170096, E-Mail: el@evaleonhardt.de

Dr. Gerd Rosenkranz, Leiter Politik & Presse, Deutsche Umwelthilfe
e.V., Hackescher Markt 4, 10178 Berlin, Tel.: 030 2400867-0, 0171
5660577, rosenkranz@duh.de