München, 7. September 2010 Lüdemann schlägt eine radikale Lösung vor, um den Dschungel zu lichten: „Eine einheitliche Umsatzsteuer unter EU-Hoheit, die einen wesentlichen Teil davon an die Mitgliedsländer abgibt und sich durch den einbehaltenen Teil finanziert.“ Damit würden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: eine Vereinfachung des Binnenmarktes und eine eigene Steuerquelle für die EU, wie die Brüsseler Kommission sie fordert.
Auf längere Sicht ist auch die Harmonisierung der Einkommenssteuertarife in der EU ein Thema. Lüdemann: „Man fragt sich, wie lange es in der EU toleriert wird, dass einige Mitgliedsstaaten durch niedrige Steuersätze Unternehmen anzulocken versuchen, andererseits aber Infrastruktur-Subventionen von der EU erhalten – oder von der EU-Gemeinschaft aus Finanznöten gerettet werden müssen.“
Kreditinstitute verspielen Vertrauen
In der steuerlichen und rechtlichen Beratung von über 20.000 gewerblichen Mandanten gewinnt das Thema Unternehmensfinanzierung für Ecovis zunehmend an Bedeutung. „Das Misstrauen der Kunden gegenüber den Banken wächst, ganz besonders im Mittelstand“, stellt Ecovis-Vorstand Dr. Ferdinand Rüchardt fest. Schuld daran sind nicht nur die Finanzkrise und die daraus resultierende Schieflage mancher Banken, die Kunden fragen lässt, ob ihr Geld dort noch sicher ist, sondern „auch und gerade das Verhalten der Institute als Kreditgeber. Trotz der erfreulichen Konjunkturerholung agieren die Banken hier entgegen allen Beteuerungen weiter mit harten Bandagen. „Zwar kann man nicht von einer klassischen Kreditklemme sprechen“, so Rüchardt, „doch die Institute reizen ihre Vertrags- und Sicherheitenposition oft bis zur Schmerzgrenze aus – nicht nur bei Neuanträgen, sondern auch bei bestehenden Engagements.“
Ein Beispiel aus der Ecovis-Beratung: Ein Unternehmer wollte einen Bankkredit vorzeitig ablösen, um auf ein anderes Institut umzuschulden. Die verlangte Vorfälligkeitsentscheidung erschien ihm jedoch unangemessen hoch, es kam zum Rechtsstreit. Da zog die Bank ihre Trumpfkarte: Das Darlehen war mit einer Grundschuld besichert, die – anders als eine Hypothek – ohne vorheriges Mahnverfahren sofort persönlich vollstreckt werden kann. Mit diesem Faustpfand in der Hand drohte die Bank: „Wenn die Entschädigung nicht in voller Höhe bezahlt wird, geben wir die Grundschuld nicht frei.“ Damit aber wäre die Ablösung des Darlehens blockiert gewesen. Zähneknirschend zahlte der Unternehmer, wenn auch unter Vorbehalt.
Wer als Unternehmer oder Freiberufler einen neuen Kredit oder eine Erhöhung seiner Linie beantragt, muss sich auf deutlich höhere Anforderungen gefasst machen. „Dass eine Umsatzvorschau für drei Jahre verlangt wird, ist zum Beispiel inzwischen üblich geworden“, sagt Rüchardt. Auch bei der Besicherung langen die Kreditinstitute hin: Mithaftung der Ehefrau und zusätzliche Sicherheiten sind nach den Beobachtungen der Ecovis-Berater eher die Regel als die Ausnahme.
Warum der Aufschwung nicht ankommt
Verschärft wird die Situation der mittelständischen Kreditnehmer dadurch, dass sie jetzt die Bilanzen aus dem Krisenjahr 2009 vorlegen müssen. Die fatale Folge: schlechtere Ratingnoten, was wiederum dazu führt, dass die Kreditinstitute weitere Unterlagen, zusätzliche Sicherheiten und höhere Zinsen verlangen. Keine Rolle spielt es dagegen, dass die Unternehmen jetzt wieder mehr Aufträge hereinholen und besser verdienen. Denn, so Rüchardt, „unterjährige Zahlen ändern das Ratingurteil nicht, sondern sind allenfalls ein Argument für die Bank, warum sie trotz verschlechterter Bonitätsnote Kredit gewährt.“
Generell sieht Ecovis-Vorstand Rüchardt bei den Instituten „das Gleichgewicht bei der Einschätzung der Ertragschancen des Kreditgeschäfts und der damit verbundenen unternehmerischen Risiken erheblich gestört.“ Als Ausdruck der Risikofurcht sieht er auch die überhöhten Kreditzinsen. „Obwohl die Refinanzierungskosten derzeit auf einem historischen Tiefstand sind, sind für einen Kontokorrentkredit selbst bei bester Bonität selten weniger als 7,5 Prozent fällig, in vielen Fällen jedoch elf bis zwölf Prozent.“
Bleibt die Frage, was Unternehmer und Freiberufler tun können, um die Kreditzange zu lockern. „Sie müssen alle Register ziehen, um ihr Rating zu verbessern – vom konsequenten Liquiditätsmanagement und Controlling bis zur Optimierung der Bilanzstruktur.“ Und sie müssen sich dem Thema „zeitnahe Kreditunterlagen“ stellen. „Dazu gibt es keine Alternative“, betont Rüchardt, „auch wenn es Zeit und Geld kostet. Das ist die Eintrittskarte für eine Finanzierung.“ Wer seine Bank auf dem Laufenden hält, hat es auch leichter, mit ihr auf Augenhöhe zu verhandeln. „Das heißt, er findet eher Gehör, wenn er sagt, dass seine Geschäftsaussichten und Sicherheiten wohl nicht mit den Kreditkonditionen zusammenpassen.“
Ecovis-Geschäftsentwicklung: Auf gutem Kurs
Gegen den negativen Branchentrend konnte das Beratungsunternehmen Ecovis im Krisenjahr 2009 weiter zulegen. In Deutschland stieg der Honorarumsatz um knapp ein Prozent auf 102,8 Millionen Euro. „Anders als die großen Vier waren wir wenig vom starken Rückgang in der Corporate-Finance-Beratung, also im Geschäft mit Firmenübernahmen (M&A), Anleiheemissionen oder Börsengängen, betroffen“, erklärt Dr. Ferdinand Rüchardt, Vorstandsmitglied von Ecovis. „In der Steuerberatung bringt uns der interdisziplinäre Ansatz für die Lösung komplexer Probleme, wie zum Beispiel Nachfolge, neue Mandate und neue Mandanten.“
Ein erfreuliches Wachstum verzeichnete die Sparte Unternehmensberatung, die vom steigenden Bedarf mittelständischer Firmen durch Liquiditätsnöte und Schwierigkeiten bei der klassischen Kreditfinanzierung profitiert. Neu im Angebot und bereits stark nachgefragt ist die Fördermittelberatung. Zudem hat sich Ecovis auf den juristischen Spezialgebieten Bau- und Medizinrecht personell verstärkt.
Weltweit stieg der Umsatz von Ecovis 2009 um 17 Prozent auf 186,5 Millionen Euro – nicht zuletzt durch den zügigen Ausbau des internationalen Partnernetzwerks. „Ein Meilenstein war der Eintritt in den schwer zugänglichen japanischen Markt“, sagt Ecovis-Vorstandsmitglied Professor Dr. Peter Lüdemann. Seit Jahresanfang 2010 sind sechs weitere Partnerfirmen hinzugekommen – davon vier, die unter Ecovis firmieren, in Hongkong, Luxemburg, Schweden und Norwegen. Erste Stützpunkte im US-Markt sind eine Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft sowie eine Anwaltskanzlei in New York. In Katar steht nur noch die staatliche Genehmigung für die Verträge mit einem etablierten lokalen Partner aus. Damit ist Ecovis international jetzt an 69 Standorten in 37 Ländern vertreten.
Besonders stolz ist Ecovis-Vorstand Lüdemann auf den Einstieg in den japanischen Markt: „In der Regel braucht man dazu drei bis vier Jahre, wir haben es in eineinhalb geschafft.“ Die schwierigste Hürde sind die kulturellen Unterschiede, die „deutlich größer sind als zwischen Deutschland und China“. Eine große Hilfe war hier ein deutscher Anwalt, der schon lange in Tokio lebt und arbeitet. Die Ecovis-Partnerkanzlei in Tokio kümmert sich mit rund 100 Mitarbeitern um den gehobenen Mittelstand, sowohl einheimische als auch ausländische Unternehmen.
Das Globalisierungs-Puzzle kommt voran
Für den New Yorker Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungspartner arbeiten über 400 Leute, die Anwaltskanzlei zählt rund 210 Mitarbeiter. In beiden Fällen hat Ecovis reine Kooperationsverträge abgeschlossen, die Marke „Ecovis“ taucht in den Firmennamen nicht auf. Die Ausnahme von der Regel hat einen guten Grund: „Damit schützen wir uns vor grenzüberschreitender Haftung in beiden Richtungen“, erklärt Lüdemann. „Denn das amerikanische Recht kennt leider auch eine Markenhaftung.“
Als „spannenden Testballon, um erste Erfahrungen im Nahen Osten zu sammeln“ sieht Lüdemann die Präsenz in Katar. Die etablierte Kanzlei wird von einem Katari geführt, der selbst als Partner in der Beratung aktiv ist. „Damit fühlen wir uns wohler, als wenn der einheimische Partner – wie dort üblich – nur als Strohmann fungiert, um die erforderlichen Lizenzen zu erlangen.“
Derweil treibt Ecovis die internationale Expansion weiter entschlossen voran: Nachdem Skandinavien und damit Westeuropa komplett abgedeckt ist, stehen noch Lückenschlüsse im ehemaligen Jugoslawien an. „Kroatien ist dort zum Beispiel ein interessanter Markt“, sagt Lüdemann. In Russland soll als zweiter Standort St. Petersburg dazu kommen, „ein Wunsch unserer Partner in Finnland und im Baltikum“.
In Kanada (Toronto) wurden erste Kontakte geknüpft, auch in Südkorea „sind wir dran“. Toppriorität in Fernost hat auch Singapur, das Tor zu den südostasiatischen Tigerstaaten wie Indonesien, Thailand, Malaysia und Vietnam, die Ecovis längerfristig angehen will. Für 2011 steht Lateinamerika – sprich: Mexiko, Brasilien und Argentinien – auf der Agenda, neben Asien der zweite große Accounting-Wachstumsmarkt.