Köln/Bonn – Selten erfahren Bauwerke einer gerade zurückliegenden Epoche einer
großen Wertschätzung. Derzeit ergeht es vielen bedeutsamen Bauten der
Nachkriegsmoderne so. 50 Jahre wurden die Gebäude sich selbst überlassen;
Bauerhaltung, Instandsetzung, Renovierung oder Sanierung erfolgten so gut wie nicht.
Deshalb sei es wichtig, so Professor Michael Braum von der Bundesstiftung Baukultur
http://www.bundesstiftung-baukultur.de/, über diese Themen in der Öffentlichkeit
vehementer zu streiten, wie es derzeit bei Stuttgart 21 der Fall ist. „Baukultur muss
wehtun“, so Braum beim Netzwerktreffen mit Architekten und Publizisten im Kölner
„Kulturzentrum am Neumarkt“, das in Kooperation mit dem Haus der Architektur
veranstaltet wurde http://www.hda-koeln.de/.
Von einer Baukultur als Gesamtkunstwerk sei man noch weit entfernt. Das zeige die
Baukultur des Alltags: „Sind es die eingezäunten Straßenbahntrassen, die miserablen
Brücken, die unsäglichen, dem ordnungsrechtlichen Überregulierungswahn
entsprechenden Schilderwälder, die Lärmschutzwände, die wärmegedämmte Fassaden,
unsere photovoltaischen Dachlandschaften oder einfach nur unsere Bahnhöfe und
Bahnhofsvorplätze, um nur einige ganz offensichtlichen baukulturellen Desaster zu
nennen“, sagte Braum in seiner Eröffnungsrede.
Man müsse bessere Wege finden, die Öffentlichkeit, die Baukultur alltäglich nutzt,
mitzunehmen. „Die Möglichkeiten reichen dabei von einer transparenten und frühzeitigen
Kommunikation bis zur begleitenden aktiven Beteiligung. Wir müssen eine Akzeptanz dafür
schaffen, Neues zu bauen, Altes zu bewahren und Vorhandenes zu pflegen“, so das
Plädoyer des Stiftungspräsidenten. Man müsse die Nachkriegsmoderne weiterdenken und
nicht verdrängen, forderte Jörg Jung von der Initiative „Mut zur
Kultur“ http://www.mutzukultur.de/ in seinem Vortrag. Man benötige den öffentlichen
Diskurs über die Zukunft von Bauten, die zur Identität der Bundesrepublik Deutschland
gehören. Dazu zähle das Schauspielhaus in Köln und die Beethovenhalle in Bonn.
Das von Wilhelm Riphahn geschaffene Ensemble am Offenbachplatz in Köln sollte
eigentlich völlig niedergerissen werden. Es habe sogar maßlose Überlegungen gegeben,
die in Richtung Sidney Oper gingen. „Hier war ein hohes Engagement der
Bürgergesellschaft vonnöten, um diese Planungen zu verhindern. Durch den Einsturz des
Stadtarchivs im vergangenen Jahr war die Stimmung in der Stadt aufgeladen und man war
sauer auf die Stadtverwaltung. Und auch beim Schauspielhaus und der Oper wurde
deutlich, dass die Verwaltung ihre Hausaufgaben nicht gemacht hat. Die Stimmung in Köln
kippte und immer mehr Menschen wurde bewusst, wie wichtig die Bewahrung und der
Schutz des kulturellen Erbes sind“, erläuterte Jung. Zudem habe sich auch herausgestellt,
dass die Sanierung weniger kostet als ein Neubau. Das Beispiel Köln zeige, wie wichtig es
ist, Baukultur zu verstehen und zu vermitteln. Auch die Sprödigkeit der Architektur in der
Nachkriegszeit habe enorme Qualitäten. Man müsse die Sprache der Architekten der 50er
und 60er Jahre verstehen, um die Konzepte auch lesen zu können. Hier könne man
Qualitäten erkennen, die es heute gar nicht mehr gibt. Etwa bei der
Oberflächenbeschaffenheit von Texturen.
„Es geht um eine Nüchternheit in der Gestaltung der Architektursprache, die sich gegen
den Monumentalismus der 30 und 40er Jahre wendet. Es ging nach dem Krieg auch um
das neue Gesicht und die neue Identität der Bundesrepublik. Mit so etwas müssen die
politischen Entscheider schlichtweg anders umgehen. Es ist nicht zu rechtfertigen, einen
Bilbao-Effekt zu erzeugen und aus touristischen Erwägungen alles platt zu machen.
Deshalb ist es wichtig, die Baudenkmäler der Nachkriegszeit zu erhalten, auch wenn sie
uns teilweise sperrig vorkommen. Teilweise fehlt den Stadtplanern das Verständnis für die
Schönheiten der Nachkriegsbauten. Wir müssen lernen, neu hinzusehen“, forderte Jung in
seiner Rede. In Bonn würde es auch Stimmen geben, die die Beethovenhalle hässlich
finden und deshalb für einen Abriss plädieren. „Solche persönlichen Befindlichkeiten
können nicht der Maßstab sein, um die Baukultur einer Gesellschaft zu bestimmen“,
betonte der Kölner Journalist. Auch bei der Beethovenhalle versteht es Jung nicht, dass
man über einen Abriss auch nur ansatzweise diskutiert.
„Dieser Bau als Festsaal und sogar als politischer Versammlungsort spricht in seiner
Sprache von einem eindeutigen Selbstverständnis der Bundesrepublik nach dem Zweiten
Weltkrieg. Da kann man nicht einfach hingehen und einen schicken Neubau planen.
Jedenfalls nicht an dieser Stelle, wo es um den Gründergeist unserer Republik in der
ehemaligen Bundeshauptstadt geht“, so Jung. Das Festspielhaus könne ja gebaut
werden. Aber nicht am Ort der Beethovenhalle. Ein ermutigendes Zeichen sei es, dass die
studentische Initiative Beethovenhalle http://www.initiative-beethovenhalle.de/1.html mit
dem Deutschen Preis für Denkmalschutz 2010 ausgezeichnet wurde, so der Tenor des
Netzwerktreffens. Die Preisverleihung findet am 8. November in Kiel statt.
http://bit.ly/aHaxzn
Die Rede von Jörg Jung liegt als Audioaufzeichnung auf meinem Ich sag mal-Blog
vor. http://gunnarsohn.wordpress.com/2010/10/26/die-bonner-beethovenhalle-und-der-
grundergeist-der-bundesrepublik/
Die studentische Initiative Beethovenhalle hat zur gesamten Thematik ein sehr
lesenswertes Buch veröffentlicht: Beethovenhalle Bonn: Konzerthaus. Festsaal. Denkmal.