Deutsch-französische Allianz schafft führenden IT-Dienstleister

Atos Origin kann bereits auf eine längere M&A-Historie zurückblicken. Zwischen 1999 und 2009 wuchs der Umsatz von 1,1 Milliarden Euro auf 5,1 Milliarden Euro, vorwiegend durch Akquisitionen (die größten waren Origin im Jahr 2000 und Sema Group in 2004) und Mega-Deals (z.B. KPN in den Niederlanden, KarstadtQuelle in Deutschland, Renault in Frankreich sowie diverse öffentliche Organisationen in Großbritannien). Erst kürzlich trennte sich Atos Origin von einigen Teilen seines Geschäfts (z.B. in Italien, Skandinavien), um seine Profitabilität zu erhöhen, die nun mit einer EBIT-Marge von 5,7 Prozent im Branchendurchschnitt liegt.

Atos Origin ist hauptsächlich auf EMEA-Ebene präsent – das Unternehmen erzielt hier 94 Prozent des Gesamtumsatzes – mit besonderem Fokus auf drei Regionen: Frankreich, die Benelux-Länder und Großbritannien generieren drei Viertel des Gesamtumsatzes.

Seit einigen Jahren schon halten sich Gerüchte, dass SIS (ehemals SBS/Siemens Business Services) von Siemens veräußert werden könnte, insbesondere weil SIS nicht die Profitabilitätsstandards von Siemens erreichen konnte. Unlängst strukturierte der neue CEO von Siemens die Gruppe um und formierte drei Business Units: Manufacturing, Healthcare und Energy. Somit bestätigte er, dass IT kein Kerngeschäft für die Gruppe darstellt. Die SIS blickt auf eine gemischte Erfolgsgeschichte innerhalb des Siemens-Konzerns zurück: Innerhalb von zehn Jahren wuchs der Umsatz von 3,6 Milliarden Euro auf 4,6 Milliarden Euro. Gleichzeitig sanken der Anteil an kaptivem Umsatz von 30 Prozent auf 22 Prozent und der Anteil am Inlandsgeschäft von 59 Prozent auf 39 Prozent. Der Anteil des Geschäfts in den Regionen Americas und APAC hat sich in diesem Zeitraum von 6 Prozent auf 13 Prozent mehr als verdoppelt.

„Durch die Fusion entsteht ein neuer IT-Services-Marktführer in Europa, der weltweit auf Platz 6 rückt und auf EMEA-Ebene Platz 3 einnimmt“, so Christophe Châlons, Chief Analyst bei PAC. „Darüber hinaus wird die neue Gruppe zu den führenden Application Management- (Platz 5 weltweit, Platz 3 EMEA), Infrastruktur-Outsourcing- (Platz 3 weltweit und EMEA) und BPO-Providern (Platz 14 bzw. 4) gehören. Bleibt abzuwarten, ob sich diese neue Organisation im Kampf um größere Infrastruktur-Deals gegenüber Größen wie IBM, HP, CSC oder T-Systems behaupten kann und will!“

„Trotz seiner Präsenz in 42 Ländern und seiner geografischen Neuausrichtung durch die Integration des deutschen Marktes fehlt es dem neuen europäischen Riesen an Größe und Visibilität in den Regionen Americas und APAC. Wenn man die Diskrepanzen bei Marktdynamik und strategischer Bedeutung von Offshore-Services betrachtet, sollte das nächste Ziel ein indischer Player mit einer starken Präsenz in den USA sein!“, fügt Klaus Holzhauser, Director bei PAC, hinzu.

Eine weitere Herausforderung birgt das Consulting- und Systemintegrationsgeschäft (C&SI) – die neue Gruppe wird weltweit Platz 15 und Platz 5 in EMEA einnehmen, obwohl beide Unternehmen in ausgewählten Branchen (Manufacturing, Finance, Public Sector) und Themen (z.B. SAP C&SI) stark positioniert sind.

Tobias Ortwein, Senior Vice President bei PAC: „Aus der Perspektive von Atos Origin ist dieser Zusammenschluss ein Glücksgriff: Der Kaufpreis ist angemessen, es gibt keinen wesentlichen Cash-out, Siemens trägt die Risiken, Siemens liefert Geschäft (Deals über mehr als 5,5 Milliarden Euro über einen Zeitraum von sieben Jahren), und schließlich bringt Siemens möglicherweise gemeinsame Business Opportunities (das neu formierte Unternehmen wird Teil von ‚Siemens One’ sein).“

Klaus Holzhauser: „Aus Sicht von Siemens ist der Preis zufriedenstellend – wesentlich höher als vor drei Jahren, wenn auch geringer als er möglicherweise in zwei oder drei Jahren sein könnte. Die Transaktion wird es Siemens ermöglichen, sich auf seine drei Kernunternehmensbereiche zu konzentrieren. Dennoch ist zu hoffen, dass Siemens in das neue Unternehmen auch längerfristig investieren wird. Es besteht ein hohes Synergiepotenzial zwischen dem Kerngeschäft von Siemens und IT-Dienstleistungen in ihren verschiedenen Formen – dazu gehören sowohl Consulting & Systemintegration als auch Outsourcing, sowie BPO und Transaction Processing in M-to-M (Machine-to-Machine)-Umgebungen, einer Kernkompetenz von Atos Origin.“

„Insgesamt ist die strategische Partnerschaft ein großer Schritt nach vorn. Der Erfolg wird sicherlich abhängen von der Implementierung, der Fähigkeit die geografische Reichweite auszudehnen (voraussichtlich durch eine weitere große Akquisition) sowie von der Kooperation zwischen dem neuen Unternehmen und Siemens. Wenn das funktioniert, wird Siemens die Möglichkeit nutzen, seinen Anteil an dem neuen Dienstleistungsunternehmen auszubauen“, folgert Christophe Châlons.

„Thierry Breton und sein Team haben Atos Origin an einem kritischen Punkt seines Bestehens erfolgreich wieder belebt. Ihre aktuelle Herausforderung besteht nun darin, von den zahlreichen, komplementären Stärken beider Unternehmen zu profitieren. Atos hat seine Fähigkeit zur erfolgreichen Durchführung von M&A-Operationen bereits in der Vergangenheit unter Beweis gestellt, doch die mit Integration, Qualität, Terminen und auch kulturellen Fragen verbundenen Herausforderungen werden bei der Definition und Umsetzung einer weltweiten Strategie eine große Rolle spielen“, schließt Eric Isabey, CEO der PAC Group.