Wer bei dem Wort Beziehungskompetenz an Seilschaften und Vetternwirtschaft denkt, ist auf dem Holzweg. Auch die Fähigkeit, Kontakte zum jeweils anderen Geschlecht zu knüpfen, ist nicht gemeint. Beziehungskompetenz ist eine soziale Kompetenz im Umgang mit anderen Menschen. Es bezeichnet die Fähigkeit, einen Kontakt herzustellen und in den Austausch zu gehen, also nicht nur etwas einzufordern, sondern auch etwas herzugeben.
Gerade im Berufsalltag fehlt es an Beziehungskompetenz, denn der Kollege wird meistens nur der Träger einer Information gesehen, die gebraucht wird. Auch die Kolleginnen z. B. am Empfang sind in den Augen vieler nur dazu da, Telefonkontakte herzustellen, Gäste zu begrüßen oder Termine zu vereinbaren. Eine Beziehung zu diesen aufzubauen, wird abgelehnt, denn die Kolleginnen am Empfang haben keinen Nennwert, wenn es um die Karriereleiter oder besonderes Wissen geht.
Für Führungskräfte ist Beziehungskompetenz die Grundlage für eine gute Führung. Erst wenn es einen tragfähigen Kontakt zu den Mitarbeitern im Team gibt, dann werden auch die Informationen geteilt, das Wissen weitergegeben, das Arbeitsklima positiv gestaltet. Um dieses zu erreichen, müssen Führungskräfte sichtbar, ansprechbar und authentisch sein.
• Authentizität
• Empathie
• Transparenz
sind die Bausteine, auf denen Beziehungskompetenzen aufzubauen sind und mit denen sie langfristig funktionieren. Wer ehrlich ist, wird auch Offenheit zurückbekommen. Wer glaubwürdig ist, dem wird vertraut. Wer ein offenes Spiel spielt, findet Mitstreiter. Für viele Führungskräfte gerät damit ein Weltbild ins Wanken, das aus alten Zeiten stammt und heutzutage keine Relevanz mehr hat.
TIPP: Wem würden Sie eher ihr Wohlwollen schenken: Dem Patriarchen, der mit strenger Hand organisiert, Gehorsam und Pflichterfüllung erwartet? Oder dem Vorgesetzten, der mit offenen Händen und hochgezogenen Schultern versichert, er habe alles versucht, aber nichts erreicht?
Um sich als Führungskraft zu zeigen, die Schwächen hat, unliebsame Gewohnheiten und hin und wieder auch einen verdammt schlechten Tag, braucht es viel Mut und eine Portion Menschlichkeit. Wer dieses Experiment wagt, stößt auf Verständnis, Fürsorge und manches Mal sogar auf unerwartete Hilfe. Mit einer solchen Erfahrung fällt es leicht, auch anderen Fehler zuzugestehen, Verständnis zu zeigen oder sich für jemanden gezielt einzusetzen. Ist ein solcher Prozess erst einmal angestoßen und alle Beteiligten erleben gegenseitiges Wohlwollen, Respekt und Unterstützung, entwickelt sich eine Gemeinschaft. Es muss nicht gleich der Kreis der Musketiere sein, in dem alle für einen, einer für alle kämpfen, aber Werte wie Loyalität und Zusammenhalt werden gelebt. Dies sorgt für ein Gefühl der Zugehörigkeit, das den Spaßfaktor an der Arbeit erhöht und Motivation auslöst. Führungskräfte, die ein solches Team führen, haben wenig Schwierigkeiten, denn hier ist die Delegation von Aufgaben kein Problem. Funktioniert das Miteinander, sorgen die Beschäftigten selbst dafür, dass niemand übervorteilt oder abgehängt wird. Hilfestellung und Unterstützung untereinander sind selbstverständlich. Klappt es nicht, muss die Führungskraft eingreifen, partizipieren, kommunizieren und lenken; immer mit dem Ziel, dass selbstverantwortliches Arbeiten erneut funktioniert.
Um nicht nur in der eigenen Abteilung, sondern auch im Unternehmen gesehen und wahrgenommen zu werden, ist der Ausbau der Beziehungskompetenz wichtig. Ein freundliches Lächeln für die Kolleginnen am Empfang, ein Lob für die Bemühungen der Kantinenkräfte, ein Dankeschön an die Reinigungskräfte – all dies sind Handlungen, die keine Mühe und keine besonderen Fähigkeiten erfordern. Alle Beschäftigten im Unternehmen als Menschen wahrzunehmen, die es verdient haben, dass man sie begrüßt, wertschätzt und ihnen ein Lächeln schenkt, verbreitet Mitmenschlichkeit. Auf diese Art sorgen alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dafür, dass die Hektik des Alltags und der tägliche Stress kleiner werden und jeder Tag schöne Momente hat, über die sich jeder freuen kann.