BERLINER MORGENPOST: Kommentar zum Frauenmangel in deutschen Chefetagen

Die Männer führen, die Frauen gehen mit. Diese
Devise gilt beim Walzertanzen – und leider auch in deutschen
Unternehmen. Mittlerweile hat man allerdings in manchen
Führungsetagen erkannt, dass die Welt der Wirtschaft kein Ballsaal
ist und die Frauen durchaus in der Lage sind, eine aktive Rolle zu
übernehmen. Die Deutsche Telekom preschte im vergangenen Jahr vor,
als sie sich selbst öffentlichkeitswirksam eine Frauenquote
verpasste. Auch andere Arbeitgeber haben sich interne Zielmarken
setzt. Es tut sich etwas. Zwar sitzen in den 30 Dax-Unternehmen
derzeit gerade einmal vier weibliche Vorstände. Doch bedeutet diese
magere Zahl gegenüber dem Vorjahr immerhin eine Vervierfachung.
Solche ersten Erfolge können indes nicht darüber hinwegtäuschen, dass
Deutschland sich im Schneckentempo vorwärtsbewegt. Auf
internationaler Bühne fällt auf, dass die deutschen Top-Posten fast
ausschließlich männlich besetzt sind. In anderen Ländern sitzen
weitaus mehr Frauen im Vorstand. Der Ausschluss der Frauen von der
Entscheidungsmacht droht für die Unternehmen handfeste
wirtschaftliche Nachteile zu haben. Denn angesichts des zunehmenden
Fachkräftemangels ist es fahrlässig, die eine Hälfte der
Hochschulabsolventen gar nicht erst in den Blick zu nehmen, wenn es
um die besten Stellen geht. Auch werden die meisten
Konsumentscheidungen von Frauen getroffen. Warum sollen sie dann
nicht mit darüber entscheiden, was in den Betrieben produziert wird?
Unternehmen, die frühzeitig erkennen, dass sie zukunftsfähiger
werden, wenn sie Frauen den Weg bis ganz nach oben ebnen, handeln
rational. Es geht nicht um Political Correctness an dieser Stelle.
Deshalb braucht es auch keine Frauenversteher, sondern kühle Rechner,
um den Frauenanteil in den Vorständen und in den Aufsichtsräten
angemessen zu erhöhen. Doch von der Erkenntnis, dass man ein
geschlechtergemischtes Führungsteam will, bis zu dessen Realisierung
ist es oft ein weiter Weg. Denn die gläserne Decke, an die
karriereorientierte Frauen früher oder später meist stoßen, ist
schwer zu erkennen und noch schwerer zu beseitigen. Es handelt sich
schließlich in den seltensten Fällen um eine bewusste
Frauendiskriminierung. Darüber sind wir in Deutschland Gott sei Dank
hinweg. Potenzielle Führungskräfte weiblichen Geschlechts erscheinen
aber dennoch schlichtweg nicht auf dem Radarschirm, wenn es um die
Besetzung von höher angesiedelten Jobs geht. Um dies zu ändern, muss
die Unternehmensspitze klare Vorgaben setzen und deren Erfüllung
mithilfe von Anreizen und Sanktionen durchsetzen – das ist das kleine
Einmaleins der Betriebswirtschaft. Vielfach aber müssen sich auch die
Frauen selbst ändern. Viel zu oft warten hoch qualifizierte
Mitarbeiterinnen darauf, dass die Personalverantwortlichen auf sie
aufmerksam werden, anstatt selbst Karrierewünsche zu artikulieren und
selbstbewusst Forderungen zu stellen. Doch je mehr Frauen es an die
Spitze eines Unternehmens schaffen, desto gezielter wird auch der
weibliche Nachwuchs nach oben streben. Eine politische Quote braucht
es dazu bestimmt nicht

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