BERLINER MORGENPOST: Kommentar zu Wulffs Forderung nach Religionsfreiheit für Christen in der Türkei

Einst hieß es Kleinasien, aber nach heutigen
Begriffen ist es die Türkei, wo vor knapp 2000 Jahren christliche
Gemeinden die Botschaft von Jesus mit entwickelten und wo später das
orthodoxe Christentum sich noch unter den Osmanen hielt.
Bundespräsident Christian Wulff hatte folglich Recht, als er am
Dienstag in Ankara sagte: „Das Christentum gehört zweifelsfrei zur
Türkei.“ Es hat dort tiefe Wurzeln. Insofern hatte Wulff auch Recht,
als er am 3. Oktober erklärte, dass der Islam zu Deutschland gehört:
Der Islam schlägt bei uns Wurzeln. Und zwar solche, aus denen Gutes
werden kann, schickt sich Deutschland doch an, den Islam durch die
Imam-Ausbildung an Universitäten zu modernisieren. „Zu einem Land
gehören“ erhält durch Wulffs zwei Reden eine verlockende Bedeutung:
„Wurzeln haben, die Erfreuliches ermöglichen“. Es ist dieser Blick
auf die Chancen, der Wulffs Rede in Ankara auszeichnete. Anders als
mancher im schwarz-gelben Lager, das ihn wählte, löst er sich von
Verhärtungen. Statt wie Horst Seehofer bei Zuwanderung aus anderen
Kulturkreisen eine Belastung unserer Gesellschaft zu beschwören,
besteht Wulff darauf, „dass Islam und Demokratie kein Widerspruch
sein müssen“. Statt bei Europa nur an Christlich-Jüdisches zu denken,
erklärt Wulff, dass „die Religionsfreiheit Teil unseres
Verständnisses von Europa als Wertegemeinschaft“ sei. Das zu
akzeptieren ist für Deutsche eine große Aufgabe – für Türken aber
erst recht. Gerade weil Wulff die Deutschen aufgerufen hat, ihre
Aufgabe zu sehen, konnte er die Türken auffordern, sich der ihren zu
stellen. Also die volle Religionsfreiheit für Christen zu
gewährleisten, sie Kirchen bauen, theologischen Nachwuchs ausbilden
und „ihren Glauben öffentlich leben“ zu lassen. Das war deutlich.
Mehr kann ein Bundespräsident über Religion in Ankara kaum sagen.
Muss er aber auch nicht. Denn Religion ist längst nicht alles,
worüber zwischen Türken und Deutschen zu sprechen ist. Ja, sie wird
überschätzt, seit die Integrationsdebatte auf das Thema Islam versus
Christentum eingeschrumpelt ist. Als wäre der Koran für die Mehrheit
der türkischen Migranten die oberste Richtschnur, als wäre die Bibel
das für die Mehrheit der Deutschen. Daher sollte man künftig weniger
über Religion reden, viel mehr über Leistung sowie Respekt vor Recht
und Gesetz. Hiermit haben auch manche christliche Einwanderer
inakzeptable Schwierigkeiten. Worum es gehen müsste, hat Wulff in
Ankara immerhin erwähnt, als er „das Verharren in Staatshilfe,
Kriminalitätsraten, Machogehabe, Bildungs- und Leistungsverweigerung“
bei Zuwanderern ansprach und das Entscheidende nannte:
„Menschenwürde, freie Meinungsäußerung, Gleichberechtigung von Mann
und Frau, der religiöse und weltanschaulich neutrale Staat“. Hierauf
ist vor allem zu achten, nachdem Wulff dazu aufgerufen hat, religiöse
Verhärtungen zu überwinden.

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