Die Empörung über elfjährige Drogenkuriere auf
Berliner U-Bahnhöfen darf den Blick auf den zentralen Aspekt des
Problems nicht verstellen: Es handelt sich trotzdem um Kinder. Kein
Elfjähriger kommt von sich aus auf die Idee, Heroinkügelchen im Mund
zu transportieren. Er wird dazu angeleitet oder sogar gezwungen. Dass
die Drogenmafia dabei vor allem auf alleinstehende Kinder aus
Nordafrika zurückgreift, ist besonders perfide. Alle Kraft der
Ermittlungen muss sich daher auf die Hintermänner dieser
menschenverachtenden Praxis richten. Wie kommen die Kinder in Kontakt
mit den Händlern, wie können sie vor solchen Missbräuchen geschützt
werden? Natürlich muss es möglich sein, die Kuriere dauerhaft aus den
kriminellen Milieus fernzuhalten. Sollte es einer Einrichtung im
Stadtgebiet nicht gelingen, dann in der Mark Brandenburg. Vor einem
Jahr haben die Berliner Behörden ein sozialisierungsunwilliges Kind
sogar in eine Einrichtung nach Kasachstan geschickt, um es vor seinem
Umfeld wirksam zu schützen. Ist das übertrieben? Nein. Wenn so
verhindert werden kann, dass der Junge ein Leben lang auf
Sozialleistungen angewiesen ist oder nachhaltig straffällig wird, ist
das Geld sinnvoll investiert. Darin sind sich alle Experten seit
Langem einig. Besorgniserregend ist dagegen, dass sozial verwahrloste
Kinder offenbar keine Einzelfälle mehr sind. Dabei spielt keine
Rolle, ob sie von ihren Eltern aus dem Ausland geschickt werden oder
hier geboren sind. Wenn Jugendrichter und Polizisten aus ihrem
täglichen Erleben berichten, dass in sozialen Brennpunkten eine ganze
Generation perspektivloser Schulabbrecher heranwächst, sollten alle
Alarmglocken des Gemeinwesens klingeln. Das Fehlen jeglicher
Werteordnung oder grundlegender Bildungserfolge ist für eine Stadt
nicht hinnehmbar. An dieser Stelle Gleichgültigkeit zu zeigen
bedeutet, in ein paar Jahren draufzuzahlen. Es kann als berufliches
Vermächtnis der Jugendrichterin Kirsten Heisig angesehen werden,
diese Entwicklung als eine der Ersten erkannt und bekämpft zu haben.
Ihr in der kommenden Woche erscheinendes Buch ist dabei allerdings
von einer beunruhigenden Skepsis gekennzeichnet. Es reicht demnach
nicht aus, die Voraussetzungen für eine wirkungsvolle Zusammenarbeit
aller beteiligten Ämter und Einrichtungen zu schaffen. Die Strukturen
müssen mit Leben erfüllt werden, um Erfolge zu erzielen. Kaum jemand
hat das überzeugender vorgelebt als die tragisch aus dem Leben
geschiedene Richterin. Ihre Entschlossenheit gegen Jugendkriminalität
und Verwahrlosung muss stilbildend für den Berliner Weg sein. Die
Stadt kann es sich einfach nicht leisten, das friedliche
Zusammenleben durch Parteienstreit, unsinnige Diskussionen über
Zuständigkeiten, den Hinweis auf Sparzwänge oder Personalnot aufs
Spiel zu setzen. Das sind wir allen Berliner Kindern schuldig.
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