Dein Glück ist auch mein Glück!“ Unterschreiben Sie
bitte alle diesen schönen Satz: Es ist in Ihrem besten Interesse! Die
vertrauliche Anrede sollte man vielleicht weglassen, je nach Maß des
angebrachten Respekts vor Amt und Person. Denn es ist die Kanzlerin
selbst, die gestern im fernen China ihr Wiegenfest feierte.
Gratulieren sollten wir aber in jedem Falle. Denn wir brauchen das
Glück von Angela Merkel. Dringend! Geburtstag hin oder her, die
Projektliste der Kanzlerin ist lang und sperrig. Schuldenberge,
Finanzmarktrallys, Mehrwertsteuer, Gesundheitskosten, Elterngeld.
Machen wir uns nichts vor: Kaum jemandes Glück wird in den nächsten
zwölf Monaten politisch größere Auswirkungen auf unser eigenes haben
als ihres. Und als Angela Merkel zu ihrem Ehrentag die altehrwürdige
Terrakotta-Armee Chinas besuchte, mag ihr zudem eine gewisse Symbolik
dieses Blicks auf die zerbrechlichen Krieger des Kaisers nicht ganz
entgangen sein. Ist sie doch auch eine CDU-Chefin, die mit ansehen
muss, wie nach Köhler, Koch und Rüttgers nun ein weiterer Führer
ihres kleinen Heeres zu zerbröseln droht: Ole von Beust. Er war
Merkels personifizierter Pfad in die Zukunft, Bannerträger einer
neuen Machtoption aus Schwarz und Grün. Nun ist er entkräftet – das
Projekt damit auch? Terrakotta gehört eben zu den eher sensiblen
Materialien dieser Welt. Es will gepflegt und behütet werden, wie so
mancher Unionsfürst auch. Etwa durch die starke Programmatik und das
entschlossene Handeln seiner Chefin. Und so wird der obligatorische
Glückwunsch, nimmt man ihn ernst, eine echte Herausforderung.
Fortuna, man weiß es, ist ein widerborstig“ Ding. Machiavelli, der
Spin-Doktor der Macht, hat“s geschrieben: Sie ist die launischste und
wirkungsmächtigste Gegenspielerin aller großen Staatsmänner und
-frauen. Dabei meint es Fortuna derzeit doch eigentlich ganz gut mit
der Kanzlerin: Die deutsche Wirtschaft wächst, die Arbeitslosigkeit
sinkt. Und nicht zu Unrecht haben Herrscher (und Beherrschte) solche
Phänomene immer gern als schicksalhaft, also mithin „glücklich“
erlebt. Die Umfragewerte der Regierungsparteien allerdings sinken.
Und die Macht, misst man sie einmal in Reitern, die sich in die
Schlacht schicken lassen, diese Macht nimmt auch ab. So fragen wir
uns, warum es der Kanzlerin nichts hilft, das viele Glück. Vielleicht
hilft schon eher ein letzter kurzer Blick auf Machiavelli. Der
nämlich könnte die Jubilarin daran erinnern, dass eines gibt, was der
Staatenlenker der wankelmütigen Fortuna entgegensetzen kann: Virtu,
die Tugend. Und weil Tugend in Machiavellis Sinne politische Energie
und Tatendrang bedeutet, wird“s schon schwierig mit dem simplen
Wunsch nach Glück. Wünschen wir uns deshalb lieber eine neue Lust der
Angela Merkel am Machen, am politischen Werk. Damit ihr Glück auch
unseres werde – und umgekehrt.
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