Wer in diesem Sommer noch eine Fahrt mit dem ICE
der Deutschen Bahn plant, tut auf jeden Fall gut daran, vor dem Kauf
seiner Fahrkarte den Meteorologen seines Vertrauens zu kontaktieren.
Denn wer geglaubt hat, das Spitzentreffen zum Ausfall der
Klimaanlagen in den Paradezügen des größten europäischen
Schienenkonzerns würde zu einer Lösung oder zumindest zu einer
durchbrechenden Klärung des Problems führen, sieht sich getäuscht.
Klar ist nur: Bei entsprechender Witterung müssen die Fahrgäste
weiterhin damit rechnen, unfreiwillig zu schwitzen. So unvorstellbar
es ist – auch zehn Tage nach dem ersten gravierenden Zwischenfall mit
einem Sauna-ICE gibt es weder konkreten Aufschluss über die
technischen Ursachen der Pannenserie, noch exakte Angaben zu
möglichen Versäumnissen bei der Beschaffung oder Wartung der Züge.
Stattdessen gibt es nur Vermutungen, ungeklärte Zuständigkeiten und
spekulative Schuldzuweisungen. Die Deutsche Bahn, die Bahnindustrie,
die Aufsichtsbehörde Eisenbahn-Bundesamt und das
Bundesverkehrsministerium – alle zeigen mit dem Finger auf die
anderen, Schuld an der Malaise und daher letztlich voll
verantwortlich für die Probleme fühlt sich keiner. Das Treffen im
Verkehrsausschuss des Bundestages hätte man sich vor diesem
Hintergrund glatt schenken können. Das ist ein Armutszeugnis für alle
Beteiligten – vor allem für die Bahn selbst. Sie vermittelt, wie auch
schon zuvor beim Achsen- oder auch beim Heizungsdesaster, keineswegs
den Eindruck, der Lage gewachsen zu sein. Sicherlich wäre es
ungerecht, alle Schuld daran Bahnchef Rüdiger Grube zuzuweisen. Viele
der Pannen resultieren aus Entscheidungen, die weit vor seinem
Amtsantritt getroffen wurden. Da war Bahnchef Heinz Dürr, der ab 1994
unglaubliche Mengen an Zügen bestellte und damit die Industrie zu
diesem Zeitpunkt überforderte. Ihm folgte Hartmut Mehdorn, der dem
Konzern wegen des geplanten Börsengangs einen rigiden Sparkurs
verordnete. Als Grube vor eineinhalb Jahren seinen Posten von Mehdorn
übernommen hat, kündigte er an, dass er vor allem das Brot- und
Buttergeschäft des Konzerns, den heimischen Schienenverkehr, in
Ordnung bringen wolle. Bisher ist die Bilanz zumindest aus Sicht der
Kunden ernüchternd: Nicht allzu viel ist anders, aber manches sogar
noch schlimmer geworden. Wenn der Bundesverkehrsminister Peter
Ramsauer nun den Börsengang als Quell allen Übels ausmacht und der
Bahnchef gar den Klimawandel in Haftung nimmt, lenkt dies nur vom
Kern des Problems ab: Das System Schiene scheint nicht beherrschbar
zu sein – zumindest in Deutschland nicht. Für ein Land, das seinen
Stolz und auch seinen Wohlstand im Wesentlichen auf den Nimbus eines
Hightech-Standortes gründet, ist das eine bittere Erkenntnis.
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