Nicolas Berggruen hat es geschafft: Nach Monaten
quälender Verhandlungen und einem bisweilen kaum noch erträglichen
Hauen und Stechen ist er jetzt Eigentümer von Karstadt. Ein
bedeutender Arbeitgeber, ein Magnet in Deutschlands Innenstädten und
– falls der Neustart gelingt – ein potenzieller Steuerzahler bleiben
damit zum Glück erhalten. Und davon profitiert vor allem Berlin als
größter Karstadt-Standort. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten jubeln die
Mitarbeiter des traditionsreichen Warenhauses ihrem neuen Chef sogar
zu, nachdem sie zuvor so lange unter den Eigentümern und Managern
eher gelitten hatten. Viele Karstädter – und vor allem die
Karstädterinnen – sehen Berggruen heute nach der langen Leidenszeit
verständlicherweise als Heilsbringer. Ob sie das auf Dauer tun
werden, ist durchaus fraglich. Denn Berggruen und sein Team werden
schon sehr bald weitere Veränderungen zur schnellen Steigerung der
Effizienz vornehmen müssen, die für viele unbequem sein könnten. Die
Bestandsgarantie, die Berggruen Karstadt gegeben hat, gilt zudem nur
bis Ende 2012. Danach sind die Schließung von Häusern und der Abbau
von Jobs nicht mehr ausgeschlossen – und angesichts der
Überkapazitäten auf dem Warenhausmarkt auch gar nicht so
unwahrscheinlich. Denn Berggruen ist kein hauptberuflicher
Heilsbringer, sondern ein Geschäftsmann, der irgendwann mit Karstadt
Geld verdienen will. Vielleicht später als andere, aber irgendwann
dann doch. In die Kategorie „Sponsoring“ gedenkt der Kunstfreund sein
Projekt Karstadt sicherlich nicht einzuordnen. Dass der Businessmann
Berggruen beim Verfolgen seiner Ziele knallhart sein kann, hat er bei
den jüngsten Verhandlungen bewiesen. Der Mann, der so ganz anders, so
viel weicher wirkt als viele andere Wirtschaftsmenschen, war einfach
rechtzeitig zur Stelle und hat sich gegen alle Störmanöver und seinen
Konkurrenten Maurizio Borletti durchgesetzt. Und das, obwohl den
Vermietern der Italiener als Käufer eigentlich lieber gewesen wäre.
Denn Borletti hätte ihnen mehr Miete gezahlt. Und vor allem hat er
Kaufhauserfahrung – im Gegensatz zu Berggruen. Dem smarten Investor
muss es dennoch gelingen, aus der Bedarfsdeckungsstation Karstadt
möglichst schnell einen Ort zu machen, an dem es den Kunden Spaß
macht, zu stöbern und Geld auszugeben. Das dürfte eine der größten
bisherigen Herausforderungen Berggruens werden. Noch hat er nichts
erreicht, noch gebührt der Titel des Karstadt-Retters all jenen
Lieferanten, Geschäftspartnern, Mitarbeitern und Steuerzahlern, die
auf Milliardensummen verzichtet haben, um dem Konzern eine weitere,
wahrscheinlich die letzte Chance zu geben. Berggruen muss sich auf
dieses Podest erst noch hocharbeiten.
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