Alternativer Drogen- und Suchtbericht fordert neue Strategie in der Drogenpolitik

Nicht-Regierungsorganisationen und Wissenschaftler
haben heute in Berlin den ersten Alternativen Drogen- und
Suchtbericht vorgestellt – eine knappe Woche vor Erscheinen des
Drogen- und Suchtberichtes der Bundesregierung am kommenden Montag.

Der Alternative Drogen- und Suchtbericht umfasst ein breites
Themenspektrum von Alkohol- und Tabakprävention für Jugendliche und
den Medikamentengebrauch Erwachsener über Ansätze zum Umgang mit dem
Konsum von Cannabis und Crystal Meth bis hin zu niedrigschwelligen
Hilfsangeboten für Heroinkonsumenten.

Wissen in erfolgreiche Drogenpolitik übersetzen

Zahlreiche renommierte Experten beschreiben darin Strategien und
Maßnahmen, die bisher noch nicht ausreichend Eingang in die Maßnahmen
von Bund, Ländern und Kommunen gefunden haben. Der Alternative
Drogen- und Suchtbericht soll dazu beitragen, das vorhandene Wissen
über Prävention und Drogenhilfe in eine dauerhaft erfolgreiche
Drogenpolitik zu übersetzen.

Dazu sagt Professor Heino Stöver, Vorstandsvorsitzender von akzept
e.V.:

„In der deutschen Drogenpolitik fehlt eine wissenschaftlich
untermauerte Gesamtstrategie mit klaren Zielen. Es gibt eine Lücke
zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und den staatlichen
Maßnahmen. Wir wissen genau, welche Angebote wirken, doch vieles wird
politisch nicht umgesetzt. Diese Lücke soll der Bericht schließen.
Bund und Länder stehen in der Pflicht, ihre Drogenpolitik am
aktuellen Forschungsstand auszurichten.“

Dr. Bernd Werse vom Centre vor Drug Research der
Goethe-Universität Frankfurt erläutert:

„Es wird Zeit, den Reformstau in der deutschen Drogenpolitik
aufzulösen. Der jahrzehntelange Kampf gegen Drogen zeigt: Das
Strafrecht ist nicht geeignet, um Gesundheitspolitik zu betreiben.
Repression und Strafverfolgung schaffen nur die Illusion, die
Probleme im Griff zu haben und richten in Wirklichkeit viel Schaden
an. Zugleich verzichtet die Politik auf simple Mittel im Umgang mit
legalen Drogen, etwa ein Verbot von Werbung für Alkohol und Tabak.“

Silke Klumb, Geschäftsführerin der Deutschen AIDS-Hilfe, betont:

„Die Zahl der Drogentoten in Deutschland ließe sich mit einfachen
Maßnahmen erheblich senken. Ein Beispiel: Drogenkonsumräume retten
Leben, verhindern HIV-Infektionen und weitere Gesundheitsschäden.
Trotzdem gibt es solche Einrichtungen in zehn Bundesländern nicht.
Menschen in Haft erhalten keine sauberen Spritzen und haben oft nicht
einmal Zugang zur Standardbehandlung bei Heroinabhängigkeit, der
Substitution. Die Prävention in Deutschland könnte noch erfolgreicher
sein: Wirksame Maßnahmen werden nach der Erprobung oft nicht
dauerhaft finanziert oder aus politischen Gründen nicht eingeführt.“

Bundesregierung kann Vorreiterfunktion übernehmen

Wichtige anstehende Maßnahmen im Bereich der Gesetzgebung sind:
– Vollständiges Verbot von Werbung für Drogen wie Alkohol und
Tabak
– Erhöhung der Steuern, Erschwernis der Zugänglichkeit zu
Tabakprodukten (mehr als 400.000 Zigarettenautomaten in
Deutschland sind weltweit einmalig)
– Entkriminalisierung des Besitzes von illegalen Drogen für den
Eigenbedarf
– Regulierung des Cannabismarktes durch kontrollierte
Abgabestellen und legalen Anbau zur Selbstversorgung
– Verbesserung der Substitutionsbehandlung für Heroinabhängige
durch Veränderungen der Betäubungsmittelverschreibungsverordnung
(BtmVV)
– Absenkung der Schwellen bei der Abgabe von Diamorphin
(pharmazeutisch erzeugtes Heroin als Substitutionsmedikament)

„Die Bundesregierung kann im Bereich der Drogenpolitik eine
wichtige Vorreiterfunktion übernehmen und unverzichtbare Fortschritte
auf Landesebene befördern“, sagt Professor Heino Stöver.

Der Alternative Drogen- und Suchtbericht erscheint ab sofort
jährlich. Herausgegeben wird er von Akzept e.V. – Bundesverband für
akzeptierende Drogenarbeit und humane Drogenpolitik, der Deutschen
AIDS-Hilfe und dem Selbsthilfe-Netzwerk JES Bundesverband.

http://alternativer-drogenbericht.de
www.akzept.org
www.aidshilfe.de
http://www.jes-bundesverband.de

Elektronische Pressemappe mit Fotos und weiteren Informationen
unter www.aidshilfe.de

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Holger Wicht
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