Hamburg, 19. Juni 2012 – Mehrarbeit und Billiglöhne: Die Arbeitswelt in Deutschland gerät aus der Balance. Und das Gefühl, dass da etwas nicht stimmt, eint „Niedriglöhner“ mit Überfliegern, Angestellten und Teilzeitjobbern. Das Wirtschaftsmagazin „enorm“ berichtet jetzt in der Titelgeschichte seiner am Donnerstag erscheinenden Ausgabe (EVT 21.06.2012) darüber, wie die Arbeit die Menschen hierzulande auffrisst. Seit 1998 haben Krankschreibungen aus psychischen Gründen um 80 Prozent zugenommen. Unter den 15- bis 35-jährigen stiegen die Ausfälle aufgrund psychischer Erkrankungen seit 1997 sogar um 100 Prozent. Dieter Sauer, Professor für Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena und Vorsitzender des Instituts für sozialwissenschaftliche Forschung, das sich seit über 40 Jahren mit dem Thema Arbeit beschäftigt, spricht im Interview mit „enorm“ von „entgrenzter Arbeit“. Arbeit, die „physisch und psychisch weit in die übrigen Lebensbereiche reicht, bis in die Familien und soziale Beziehungen hinein“.
Seit 1994 stieg der Anteil der Menschen, die in der Woche länger arbeiten als 48 Stunden von 12,7 auf 21,6 Prozent. Bei Hochqualifizierten ist Mehrarbeit von über einem Viertel der vereinbarten Zeit längst die Regel. 67 Prozent der Arbeitnehmer arbeiten länger als vertraglich vereinbart. Im Interview mit „enorm“ erläutert Sauer weiter, dass es längst nicht mehr um das menschenmögliche Erreichbare in einer vorgegebenen Zeit, sondern um die Erfüllung abstrakter Wachstumsziele geht, egal wie. „Keiner will der Erste sein der sagt: Ich schaffe es nicht.“
In keinem anderen Industrieland ist der Anteil schlecht bezahlter Jobs am gesamten Erwerbsleben so stark gestiegen wie im Deutschland der Ära Hartz. Der Niedriglohnbereich nimmt mittlerweile fast ein Viertel aller Beschäftigungsverhältnisse ein. Stundenlöhne also, die unter 9,15 Euro liegen, bei Wochenarbeitszeiten von oft weit über 50 Stunden, die Mehrstunden natürlich meist unbezahlt. Diese „Niedriglöhner“ sind jedoch keineswegs Schulabbrecher; 70 Prozent verfügen über eine abgeschlossene Berufsausbildung, jeder Zehnte über einen Fachhochschul- oder Uni-Abschluss. Seit 1995 hat die Zahl der Geringverdiener um 70 Prozent zugenommen.
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